27. Juli 2006
Es ist ein traumhaft schöner Sommer. Sommer 2006. Ein Sommer wie in einem Bilderbuch. Ich stehe barfuß am Meer und starre auf die Wellen. Der Sand zwischen meinen Füßen fühlt sich warm und weich an, genau wie die Sonnenstrahlen, die meine Nase kitzeln. Das Meer vor mir schimmert in einem Tiefblau und die einzelnen bernsteinfarbenen Sonnenstrahlen spiegeln sich auf der Wasseroberfläche, wodurch das Meer glitzert und funkelt wie der nächtliche Sternenhimmel. Ich habe das Gefühl mitten am Tag in die Tiefen des Universums zu blicken. Der Luft ist erfüllt vom Stimmengewirr der Strandbesucher und dem Kreischen zweier Möwen, die über den Köpfen der Menschen ihre Kreise drehen und beharrlich nach unbewachten Brotdosen Ausschau halten. Der Geruch von Salzwasser, Algen und Sonnencreme liegt in der Luft und vervollständigt das Bild grenzenloser Idylle. Die Welt um mich herum trägt den beinahe ekelhaften Anstrich eines romantischen Disney-Films, während mein Inneres so düster ist wie der Elefantenfriedhof am Rande von Mufasas Königreich. Ich stehe barfuß am Meer, starre auf die Wellen und versuche das Gefühl von Übelkeit zu unterdrücken.
Wenn wir aus dem Urlaub zurück kommen, ist Mama zu Hause ausgezogen. Wenn wir aus dem Urlaub zurückkommen, lassen sich meine Eltern scheiden. Wenn wir aus dem Urlaub zurück kommen, wird alles anders.
Ich bin sechs Jahre alt und habe keine Ahnung vom Leben, der Liebe und komplexen Verwirrungen des Erwachsenseins. Erst Jahre später habe ich begreifen können, dass ein Abschied manchmal besser ist als ein zerrüttetes zu Zweit, aber jetzt mit sechs Jahren sehe ich lediglich meine kleine heile Welt zusammenbrechen. Mit jedem Urlaubstag der vergeht, rückt der Tag näher, an dem ich nach Hause in mein neues Leben fahren muss. Verzweifelt versuche ich die stärker werdende Übelkeit zu unterdrücken. Ich starre in die bernsteinfarbene Sonne und wie aus dem Nichts schiebt sich ein Gedanke in mein Unterbewusstsein. Bernstein, denke ich plötzlich, gibt’s den nicht hier an der Ostsee? Zum ersten Mal seit Stunden widmet sich meine Aufmerksamkeit etwas anderem als meinem eigenen Selbstmitleid, meinem Schmerz und meiner Hilflosigkeit. Wie fremdgesteuert richtet sich mein Blick auf den Sand vor mir, auf die Muscheln und die kleinen Steinchen. Vielleicht, denke ich, vielleicht finde ich ja ein bisschen Bernstein und dann werde ich reich und dann ist zumindest nicht mehr alles furchtbar scheiße. Mein sechsjähriges Ich hat keine Ahnung wie viel Bernstein tatsächlich wert ist, ist aber überzeugt, dass er mindestens so wertvoll wie eine Piratenschatztruhe sein muss. So oder so schenkt mir der Gedanke an Bernstein nach Stunden der Trostlosigkeit plötzlich ein bisschen Ablenkung, eine neue Aufgabe, für die ich dankbar bin. Mir ist nicht mehr ganz so übel und ich beginne langsam den Strand entlang zu laufen. Statt von Traurigkeit, bin ich nun von Bernstein besessen. Zwei Tage lang laufe ich den Strand hoch und wieder runter, kniee im Sand und begutachte kleine Steinchen. Und dann, am späten Nachmittag des zweiten Tages sehe ich sie plötzlich. Zwei kleine rundliche orange-gelb schimmernde Punkte im Sand. Mein Herz macht einen kleinen Sprung. Vorsichtig greife ich danach und lege die beiden orange-glitzernden Steinchen vorsichtig in meine Hand. Ich starre sie an und kann mein Glück kaum fassen. Ich spüre, wie ich anfangen muss zu grinsen und mir Wert der Steine, jetzt wo ich sie in der Hand halte, mit einem Mal völlig egal wird. Ich habe Bernstein gefunden! Das ist alles was zählt. Ich schaue wieder auf die Steine. Selbst wenn sie hundert Schatztruhen wert wären, denkt mein sechsjähriges Ich, ich werde sie nicht verkaufen. Sie sind das erste Erfolgserlebnis nach Tagen der kindlichen Verzweiflung. Ich werde sie behalten und sie werden mir Glück bringen. Mir und meinen Eltern. Ich schwebe vor Freude wie auf Wolken, renne über den halben Strand, bis zu der Stelle, wo mein Vater lesend in der Sonne liegt und bleibe keuchend vor ihm stehen. Ich strecke die Hand aus und präsentiere ihm freudestrahlend meine Matschfinger und die beiden kleinen orangenen Steinchen auf meiner dreckigen Handfläche. „Papa, guck mal, was ich gefunden habe. Bernstein!“ Mein Vater schaut von seinem Buch auf und betrachtet die kleinen Steinchen in meiner Hand, dann mein freudestrahlendes Gesicht. Er lächelt und sagt schließlich: „Das ist wirklich toll, mein Schatz. Ich hab früher als Kind auch immer nach Bernstein gesucht, aber nie welchen gefunden.“ Er lügt. Er lügt, um mir den Glücksmoment nicht zu nehmen und erst sehr viel später, als ich mir aus dem beiden kleinen Steinen ein paar Ohrringe macht lassen möchte, wird mir klar, dass ich kein Bernstein, sondern von Sand und Wellen rund geschliffenes Glas gefunden habe.
08. Juni 2022, 16 Jahre später
Es ist ein traumhaft schöner Sommer. Sommer 2022. Ein Sommer wie in einem Bilderbuch. Ich stehe barfuß im Garten einer alten Villa und starre auf einen leuchtenden Ozean aus Blumen. Das Gras zwischen meinen Füßen fühlt sich warm und weich an, genau wie die Sonnenstrahlen, die meine Nase kitzeln. Das Blumenmeer schimmert in allen Farben des Regenbogens und die einzelnen bernsteinfarbenen Sonnenstrahlen spiegeln sich in den zwei kleinen orangefarbenen Glassteinen, die mir an langen silbernen Fänden von den Ohren baumeln. Die Luft ist erfüllt vom Stimmengewirr der Hochzeitsgäste und dem Summen der Bienen, die fleißig von einem Blüte zur nächsten Schweben. Der Geruch von Kaffee, Kuchen und Sonnencreme liegt in der Luft und vervollständigt das Bild absoluter Idylle. Die Welt um mich herum trägt den beinahe ekelhaften Anstrich eines romantischen Disney-Films, während mein Inneres gleichermaßen vor Freude Karussell fährt. Ich stehe barfuß im Garten, starre auf das Blumenmeer und bin glücklich.
Vor wenigen Stunden hat mein Papa neu geheiratet. Vor wenigen Stunden hat für ihn der Abschnitt eines neuen Lebens begonnen. Vor wenigen Stunden ist er grinsend wie ein Honigkuchenpferd mit seiner Frau am Arm aus dem Standesamt getreten.
Ich bin inzwischen 22 Jahre alt und habe ein kleines bisschen mehr Ahnung vom Leben, der Liebe und den komplexen Verwirrungen des Erwachsenseins. Inzwischen habe ich begriffen, dass ein Abschied manchmal besser ist als ein zerrüttetes zu Zweit und, dass die Rückkehr in ein neues Leben nicht die Rückkehr in ein schlechteres Leben bedeutet. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht und ich genieße das wohlig warme Gefühl von Glückseligkeit in meinem Bauch. Ich starre in die bernsteinfarbene Sonne und wie aus dem Nichts schleicht sich ein Gedanke in meinem Unterbewusstsein. Bernstein, denke ich plötzlich, gibt’s den nun eigentlich an der Ostsee?
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