Ein Prinz für das Rotkäppchen

„Warum?“, fragte Rotkäppchen plötzlich, „warum habt ihr eigentlich alle einen Prinzen getroffen und ich nur den bösen Wolf?“
Belle sah von ihrem Buch auf, während sich Cinderella und Rapunzel verwundert anschauten.
„Wie kommst du denn jetzt darauf?“, erkundigte sich Rapunzel.
Rotkäppchen schaute zu Boden und kaute auf ihrer Lippe. Schließlich sagte sie: „Ich habe vor ein paar Tagen Dornröschen getroffen. Sie wurde endlich wach geküsst und hat nun auch ihren Prinzen gefunden. Ja und dann dachte ich mir, dass ihr nun alle schon auf den Richtigen getroffen seid – nur ich noch nicht.“
„Ach, Rotkäppchen“, erklärte Cinderella sanft, „du bist doch noch so jung und hast noch so viel Zeit. Dein Traumprinz kommt schon noch.“
Rotkäppchen verdrehte die Augen. „Ich hab es satt zu warten. Immer höre ich nur wie diese und jene Bauerstochter oder Prinzessin mit ihrer großen Liebe zusammen gekommen ist. Dabei haben es einige ja nicht mal verdient! Dornröschen hat nur dagelegen und nichts gemacht außer hübsch auszusehen, bis jemand kam, um sie zu wach zu küssen. Und ich…Ich dagegen bin losgezogen meiner Oma Kuchen und Wein zu bringen, obwohl ich mich im Wald immer schon ein bisschen gefürchtet hab. Aber für meine Oma bin ich trotzdem losgezogen! Und statt dann im Wald wenigstens einem Prinzen zu begegnen, treffe ich bloß den bösen Wolf!“ Rotkäppchen machte einen Schmollmund und verschränkt die Arme vor der Brust. „Und der hat mich dann auch noch so dermaßen übers Ohr gehauen…“
„Ach, weißt du Rotkäppchen, das passiert einem mit Prinzen auch ziemlich oft, also macht das letztendlich gar keinen so großen Unterschied.“
„Rapunzel!“, Cinderella stieß ihrer Freundin kopfschüttelnd in die Seite. Hilfesuchend sah sie zu Belle, die bisher nichts gesagt hatte, nun aber ihr Buch zuklappte und aufstand. „Hör, mal Liebes“, begann sie, „mein Prinz war auch zuerst ein Biest…“
„Aber mein Wolf ist tot! Da kann auch kein Prinz mehr draus werden!“, fiel ihr das Rotkäppchen bissig ins Wort.
„Mag sein, aber was ich dir damit sagen wollte, war, dass es gar nicht so einfach ist mit den Prinzen und es viele von uns eine Menge Kraft und Mühe gekostet hat bis wir unsere Liebsten endlich glücklich in den Armen halten konnten.“
„Aber am Ende habt ihr es trotzdem geschafft und ich bin mit einem toten Wolf, meiner Oma und dem Jäger zurück geblieben. Der sah zwar ziemlich gut aus, aber Oma hat gesagt, er sei viel zu alt für mich.“ Rotkäppchen schaute auf den Boden und kaute weiter auf ihrer Lippe. „Wenn ihr zu den Bällen im Schloss geht, Hand in Hand mit euren Liebsten, bin ich immer allein.“, sagte sie nach einer kurzen Pause und sah plötzlich schrecklich traurig aus.
Cinderella setzte sich hastig neben sie und nahm sie in den Arm. „Ich wusste doch gar nicht, dass du gern mitgekommen wärst. Ich dachte immer, das wär dir nichts und du würdest lieber zu Hause im Dorf mit den anderen Kindern verstecken spielen.“
Rotkäppchen verdrehte kopfschüttelnd die Augen. „Dafür bin ich doch schon viel zu alt.“
„Ach soooo.“, sagt Cinderella schmunzelnd, dann machte sie ein ernstes Gesicht. „Wenn du das gern möchtest, nehmen wir dich mit zum nächsten Ball. Versprochen.“
Rotkäppchen wollte etwas erwidern, aber Cinderella sprach schon weiter. „Und ich glaube, der Hänsel sucht noch eine Tanzpartnerin.“ Sie zwinkerte Rotkäppchen zu. Die schien kurz darüber nachzudenken. „Der ist aber gar kein Prinz.“, erwiderte sie schließlich, aber auf ihrem Gesicht, war ein ganz breites Lächeln zu erkennen.

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