eine Hochzeitsrede und Hommage an Neuanfänge


Fotos: © Laura Prüfer 2023
Lieber Papa, liebe Katja, liebe Freunde, Familie, liebe Hochzeitsgäste,
in der Sprach- und Kommunikationswissenschaft gibt es ein ganz bekanntest Modell, mit dem wir versuchen, die Beziehung zwischen unserer Sprache und den Dingen in der Welt zu beschreiben. Der Titel ist ein bisschen sperrig – bilaterales Zeichenmodell – aber ich habe euch zur Illustration ein kleines Beispiel mitgebracht. Nehmen wir einfach mal einen Baum. Papa, Katja – bevor ihr fragt – es ist erstmal egal, was für ein Baum. Also – es gibt Bäume in der Welt und diesen in der Regel grün – braunen Photosynthese betreibenden Objekte haben wir in unserer Sprache das Wort „Baum“ zugeordnet. Wenn wir also über diese Objekte sprechen wollen, wissen wir genau, welches Wort wir dafür nutzen müssen. Und jedes Mal, wenn jemand das Wort verwendet, dann haben wir eine ungefähre Vorstellung davon im Kopf, was der andere damit meint. Es entsteht also ein hübsches Pärchen aus einem Wort und einem Ding in der Welt. In den meisten Fällen funktioniert das ganz gut und lange Zeit habe ich dieses Pärchen nicht weiter hinterfragt. Tja, und dann habt ihr beiden – Papa, Katja – mir, ohne es zu wissen, gezeigt, dass dieses Modell eine immense Schwachstelle hat. Immer wenn ich in den letzten Monaten und Jahre bei euch zu Besuch gewesen bin, euch miteinander, mit den Kindern oder auch allein erlebt habe, dann bin ich jedes Mal mit sehr konkreten Emotionen wieder nach Halle zurück gefahren. Aber jedes Mal, wenn ich anschließend versucht habe, von eben diesen konkreten Emotionen zu erzählen, bin ich gescheitert. Mir fehlten schlicht die treffenden Worte. Über die Jahre hinweg ist auf der Seite der Wörter eine Leerstelle entstanden. Denn euch zeichnet etwas aus, das sich unmöglich mit wenigen und selbst mit vielen Worten kaum vollends beschreiben lässt. Diese Rede ist also der Versuch genau diese Leerstelle zu füllen und zumindest ansatzweise in Worte zu fassen, welche tiefen Emotionen ich empfinde, wenn ich euch gemeinsam erlebe und zu Beschreiben, was euch in meiner Wahrnehmung zu einem großartigen und unvergleichlichen Paar macht.


Fotos: © Laura Prüfer 2023, links: Bilaterales Zeichenmodell von Ferdinand de Saussure am Beispiel Baum
Beginnen wir im Jahr 2017. 2017 – einige der Anwesenden werden sich erinnern – ging es für uns in den ersten gemeinsamen Urlaub im neuen Familienverband. Mit einem vollgepackten Auto und wenig Luft zum Atmen auf der Rückbank ging es für eine Woche in den Süden. Wir hatten einen fantastischen Start und bereits auf dem Rastplatz entstanden erste gemeinsame Selfies. In Südtirol angekommen verköstigten wir den besten Wein und genossen die frische Bergluft. Alles schien perfekt. Zumindest so lange bis wird dann plötzlich Mitte des Urlaubs eine Panne hatten. Naja und dann stehst de da, im ersten Urlaub mit den Kindern des neuen Partners, kaputtes Auto und die ganze Abendplanung im Arsch – von der Planung des restlichen Urlaubs ganz zu schweigen. Hätte man ausrasten können. Hätte man sich richtig von stressen lassen können. Habt ihr aber nicht. Gemeinsam und ohne große Aufregung habt ihr schlicht den Tatschen ins Auge gesehen, geprüft, welche Möglichkeiten sich im Umgang mit der gebenden Situation ergeben, dafür gesorgt, dass es allen Kindern gut ging und einfach das Beste draus gemacht. Und das ist lediglich eine von zahlreichen beispielhaften Situationen, in denen ihr euch in den letzten Jahren gemeinsam durch das Chaos des Lebens gesteuert und auch die misslichen Momente nicht so schwer genommen habt.
Wo wir gerade bei Chaos sind…Ich kann mir vorstellen, dass es manchmal gar nicht so einfach ist diese Gelassenheit aufrecht zu erhalten, wenn sich gerade mal wieder zwei Chaoten begeistert um den Küchentisch jagen, während sich ein Dritter beschwert warum es denn schon wieder Fleisch geben müsse und zwei weitere anrufen, um aufgrund mangelnder Führerscheine von verschiedenen Bahnhöfen abgeholt zu werden. Die Bedürfnisse von fünf Kindern gleichzeitig zu koordinieren und sich als Paar nebenbei nicht selbst zu vergessen erscheint mir immer wieder als schier unlösbare Herausforderung. Dass man diese Herausforderung manchmal besser und manchmal etwas schlechter meistert, ist menschlich. Dieser Herausforderung aber überhaupt ansatzweise gewachsen zu sein, erfordert nicht nur ein unermesslich hohes Maß an Zusammenhalt und Vertrauen, sondern vor allem eine anhaltende Kommunikation, Kompromissbereitschaft und die unermüdliche Arbeit an einer gemeinsamen Lösung. Dass unsere Familie als trotz allen Strapazen des Alltags von so viel Liebe geprägt ist, ist also nur deshalb möglich, weil ihr seit ich euch das erste Mal gemeinsam erlebt habe, nicht ein einziges Mal das Gefühl vermittelt habt, dass ihr euch vor dieser Arbeit drücken würdet.
Gleichzeitig bin ich immer wieder beeindruckt mit welcher Selbstverständlichkeit ihr es aushalltet auch mal nicht einer Meinung zu sein. Es ist verrückt, wie oft ich es im Alltag erlebe, dass sich zwei Menschen im Gespräch weder ausreden lassen, noch tatsächlich zuhören, was der andere gesagt hat, weil sie noch so sehr darauf bedacht sind den eigenen nächsten Punkt zu machen. Hauptsache, man hat am Ende recht. Während ein solches Gespräch rein gar nichts mit Respekt zu tun hat und eher einem Leben gegen statt miteinander gleicht, habt ihr beiden die Gabe einander wahrhaftig zu zuhören. Anstatt euch gegenseitig ins Wort zu fallen, zu unterbrechen und zu übertrumpfen, habe ich euch oft aufmerksam und bedacht den Ausführungen des anderen Lauschen hören, um später mit den Worten „Habe ich dich da richtig verstanden?“ oder auch einem ehrlichen „Ich kann deine Meinung nachvollziehen und sehe es trotzdem anders.“ Auf die Aussagen einzugehen. Und nicht nur das. Euer Respekt füreinander reicht so tief, dass sich selbst ein Moment der Stille zwischen euch beiden wie ein spannendes Gespräch anfühlt. Wie oft schon bin ich abends ins Wohnzimmer gekommen und habe euch beide, einem friedlichen Stillleben gleich, auf der Schulter des jeweils anderen schlafend auf dem Sofa gefunden, während eure tiefen Atemzüge und leisen Schnarcher zu sagen schienen „ Danke, dass du vorhin die Kinder ins Bett gebracht hast, damit ich den Artikel noch fertig schreiben konnte.“, „Gern geschehen. Wär ja sonst Quatsch gewesen.“, „Ich liebe dich.“ (schnarcht) „Ups. Ich dich auch.“ – Ein Fleisch gewordenes Bild inneren Friedens.


Fotos: © Laura Prüfer 2023
Dieses Bild von Frieden und Glückseligkeit beschränkt sich dabei keineswegs auf meine alleinige Wahrnehmung. Nachdem zwei meiner Studienfreunde – Johanna und Luca – mich für einen Besuch nach Birkwitz begleitet hatten, erzählten mir anschließend beide unabhängig voneinander, als wie besonders sie die kurze Zeit bei euch erlebt hatten. Beide Male konnte ich nicht anders als ihnen unweigerlich zuzustimmen. Denn das, was ihr beiden in Birkwitz geschaffen habt, ist zweifelsohne die Umsetzung dessen, was Foucault eine Heterotopie nennt – eine wirklich gewordene Utopie; ein Ort an dem gesellschaftliche Verhältnisse gespiegelt werden und sich Dinge vereinen, die unvereinbar schienen. Um euch herum ist dort ein eigener Kosmos entstanden, in dem sich Chaos und Frieden, Stillstand und Entwicklung, Frust und Liebe vereinen. Einen Kosmos, in dem ihr in meinen Augen jeden Tag aufs Neue spiegelt, was und wie Familie im Idealfall sein kann. Ein immerwährendes liebevolles Chaos. Ein Besuch bei euch gleicht einem rührenden Kinderfilm, der damit beginnt, dass die Tochter aus der Stadt mit ihrem Köfferchen übers Feld stiefelt, während Sonnenstrahlen ihre Nase kitzeln. Solange bis am Rande des Feldes ein Haus und ein Garten auftauchen und wenig später zwei Menschen, die Gießkannen von A nach B und Pflanzkübel von B nach A tragen. Bienensummen erfüllt die Luft und die Zeit scheint sich in einem anderen Kontinuum zu bewegen. Bereits nach wenigen Stunden, war ich bei jedem Besuch so beseelt, dass ich, auf dem Weg zurück in meine eigene Wohnung, nie ganz sicher war, ob ich mich eigentlich gerade nach Hause oder von zu Hause weg begab. Dabei ist es doch eigentlich so offensichtlich. Was ihr gemeinsam erschaffen habt, ist der Inbegriff von einem „Zuhause“, von „innerem Frieden“ und „Glückseligkeit“. Hin und wieder ein kleiner Teil davon sein zu dürfen ist ein Privileg.
Alles in allem möchte ich mich bei dir, Katja, bedanken. Als Kind wollte ich gern eine Märchenprinzessin sein, aber du hast mir gezeigt, wie viel Glück ich habe, dass ich es nicht geworden bin. Schneewittchen bekommt von ihrer Stiefmutter einen vergifteten Apfel, ich von dir ein Hörbuch gelesen von meinem Lieblingsschauspieler. Aschenputtel erfährt durch ihre Stiefmutter nur Verachtung, ich – wir von dir Herzlichkeit und offenes Interesse. Du hast die wertvolle Eigenschaft, dass man sich gesehen, verstanden und nie vorschnell für irgendetwas verurteilt fühlt, wenn man mit dir spricht. Als ich dich vor wenigen Tagen angerufen habe, um dir zum Geburtstag zu gratulieren, kam ich gerade mit einer Freundin vom Sport und das erste, was ich zu ihr erzählen musste, nachdem wir das Telefonat beendet hatten, war, wie viel es mir bedeutet dich als Stiefmama zu haben. Mir sind bisher nur sehr wenige Menschen begegnet, die eine solche Herzlichkeit und Ehrlichkeit an den Tag legen, dass man sich sofort willkommen, verstanden und wertgeschätzt fühlt. Jedes Gespräch mit dir ist ein Geschenk und jeder gemeinsame Moment fühlt sich nach Familie an. Du hast es geschafft nach einer langen Suche und nach einer schwierigen Zeit das Beste aus meinem Papa herauszuholen und ein Lächeln auf sein Gesicht zurück zu zaubern, das nicht nur den Mund und die Augen, sondern sein ganzes Wesen strahlen lässt. Aus tiefstem Herzen möchte ich mich bei dir dafür bedanken.

Foto: © Laura Prüfer 2023
Und Papa. Vor einer Weile habe ich einen Text meines Lieblingsautoren gelesen, der schreibt, dass, so hart das im ersten Moment klingen mag, das Beste, was einem als Eltern passieren könne sei, wenn die Kinder einen nicht mehr brauchen. Wenn sie zielsicher ihren eigenen Weg gehen und man sie guten Gewissens loslassen kann. Dann hat irgendwie alles geklappt. In dem Moment als ich das las, habe ich begriffen, dass es anders rum eigentlich ganz genauso ist.
Vor 17 Jahren, als ich mit sechs noch ziemlich wenig von der Liebe, dem Leben und den komplizierten Verwirrungen des Erwachsenseins verstand, ist es mir zugegebenermaßen ziemlich schwer gefallen zu akzeptieren, dass du und Mama nun getrennte Wege gehen würden. Veränderungen und Neuanfänge sind immer schwer und gleichzeitig macht man sich als Kind ja auch nur Sorgen, ob die eigenen Eltern überhaupt alleine klar kommen werden. Ich bin dann älter geworden und auch wenn die Situation für mich leichter wurde, die Sorgen um dich, um euch waren niemals ganz weg. Als wir das erste Jahr getrennt Weihnachten feierten, war meine größte Angst, einer von euch säße Heiligabend traurig und allein unterm Weihnachtsbaum. (Kinder sind hochgradig dramatisch, ich weiß). Die Zeit verging und irgendwann hast du hast neue Freundinnen mit nach Hause gebracht, und genauso wie Eltern ist man da als Kind mal mehr und mal weniger begeistert. Wir haben uns gestritten und wieder vertragen. Mir gings nicht gut und hast dir Sorgen um mich gemacht und dann ging es dir nicht gut und dann hab ich mir wieder Sorgen um dich gemacht. Die Zeit verging. Du hast mit mir Ritterburgen gebaut, mir beigebracht dass man mit emotionalen Streitereien ja mal so was von gar keine Probleme löst, warst mit mir auf meinem ersten Festival und hast mit mir mein Abiballkleid ausgesucht. Irgendwann hast du Katja kennengelernt und auch, wenn ich heute um viele der damaligen Widrigkeiten weißt, bist du, Katja, aus meiner damaligen Perspektive so natürlich und selbstverständlich Teil unseres Lebens geworden, dass dieses Leben ohne dich, ohne Paula, ohne Theo schon nach kurzer Zeit kaum mehr vorstellbar war. Ihr seid eingezogen, ich bin irgendwann ausgezogen tja und dann fliegt man mal 8 Monate nach Neuseeland, kommt zurück, denkt sich, ach Mensch Papa, über das mit der Verhütung hatten wir doch gesprochen – aber gut is auch egal – so nen kleines Brüderchen is schon super und zusammen seid ihr eh fantastische Eltern. Danach ist noch ne ganze Menge mehr passiert, aber…
…so viel vielleicht erstmal zu den letzten 17 Jahren im Schnelldurchlauf.


Fotos: © Laura Prüfer 2023/ © Nicola Prüfer 2023
17 Jahre in denen man als Kind lernt die eigenen Eltern loszulassen und begreift, dass der Beginn eines neunen Lebens nicht den Beginn eines schlechteren Lebens bedeutet und, es manchmal auf dem Weg zum persönlichen Glück zweier Menschen einen Neuanfang braucht. Heute, stehe ich also hier und kann aus tiefstem Herzen loslassen, Papa, weil ich weiß, dass du deinen Weg nie mehr alleine gehen musst. Sondern gemeinsam mit einem Menschen, der in den aller schönsten, den furchtbarsten und den chaotischsten Zeiten für dich da sein wird und für den du eine so eine tiefe Liebe empfindest, dass jeder Raum, den ihr gemeinsam betretet unmittelbar mit Wärme gefüllt ist. Gemeinsam habt ihr mir gezeigt, was ich mir für mein späteres Leben wünsche. Einen Menschen, der mein Leben ähnlich erfüllt wie ihr die euren; der ein so absurdes Glücksgefühl in mir auslöst, dass es eine so verkorkste Rede wie diese braucht und die passenden Worte für genau dieses Gefühl zu finden. Eine Familie zu gründen, die so chaotisch und gleichzeitig so liebevoll ist, dass man keinen einzigen Tag zwischen ein paar um den Tisch jagenden Chaoten und stummen Gesprächen auf der Couch missen möchte.
Ich wünsche euch beiden, für jeden einzelnen gemeinsamen Moment eurer Zukunft von ganzem Herzen das Allerbeste. Ich hab euch lieb. Alles Gute.
Laura
Quellen:
Die Informationen zum bilateralen Zeichenmodell beziehen sich auf die Einführung von Bernd Kortmann: Kortmann, Bernd: English Linguistics: Essentials. Anglistik・Amerikanistik, 1. Auflage, 6.Druck, Berlin 2014.
Die Idee der Heterotopie und die damit verbundenen Ausführungen beziehen sich auf die Theorien von Michel Foucault, konkret folgenden Text: Foucault, Michel: Von anderen Räumen, in: Jörg Dünne, Stephan Günzel (Hgg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main 2006, S. 317 – 329.