So wie du

Sein Telefon klingelte in dem Moment, als er den Schlüssel ins Türschloss stecken wollte. Hastig versuchte er es aus der Hosentasche zu ziehen und lies dabei den Schlüssel fallen. Während er ihn seufzend aufhob, nahm er das Gespräch entgegen. Am anderen Ende meldete sich seine Chefin. Der wichtigste Sponsor des neuen Forschungsprojekts war soeben abgesprungen und es musste schnellstmöglich ein Neuer gefunden werden. Es läge an ihm sich darum zu kümmern, erklärte die Chefin. Danach legte sie auf. Er seufzte noch einmal, als er das Telefon wieder in die Tasche steckte und sich daran machte endlich die Tür aufzuschließen. Im Hausflur stolperte er beinahe über den Beutel voll
Altglas, den er schon vor Tagen hatte wegbringen wollen. Als er seine Jacke aufhing, schien es als würde ihn die schiefe Garderobenleiste vorwurfsvoll anstarren. „Ich kümmer mich drum.“, versicherte er ihr. So wie jeden Tag. „Papa? Bist du das?“, hörte er in dem Moment seinen Sohn aus der Küche rufen. Bevor er antworten konnte, klingelte allerdings wieder das Telefon. Am anderen Ende meldete sich dieses Mal die Klassenlehrerin seines Sohnes. Sie habe seinen Sohn heute zum Direktor schicken müssen, weil er sie als „gemeine Kuh“ bezeichnet hatte. So ein Verhalten dulde sie nicht, erklärte sie ihm. Er habe sich darum zu kümmern mit dem Jungen zu reden. Danach legte sie auf. Erneutes Seufzen. „Papa?“. Tiefes Durchatmen. Danach setzte erein Lächeln auf und betrat endlich die Küche.

„Papa!“ Sein Sohn ließ freudestrahlend den Kochlöffel los, mit dem er gerade in einem großen Topf mit Nudeln rührte und fiel ihm um den Hals. „Hallo, mein Schatz, alles klar?“, begrüßte er den Jungen, während sich das aufgesetzte Lächeln in ein ehrliches Lachen verwandelte. „Ich hab Nudeln gemacht. So wie du es mir gezeigt hast. Aber ich wusste nicht mehr wie die Soße geht. Hilfst du mir?“, erklärte der kleine Junge daraufhin aufgeregt. „Aber klar, mach ich das.“ Vorsichtig setzte er das Kind wieder auf dem Boden ab, strich ihm über den Kopf und wandte sich dann zum Kühlschrank. Er holte Tomaten, Sahne und Ketchup hervor und erklärte dem Jungen vorsichtig, wie er die Tomaten schneiden konnte, ohne sich zu verletzen. Sein Sohn hörte aufmerksam zu und kurz darauf schnippelte er selbst schon wie ein Weltmeister. Der Vater lächelte und hätte darüber beinahe den Anruf der Lehrerin vergessen. Als die Soße allerdings fertig war und noch etwas vor sich hin köchelte, atmete er einmal tief durch und setzte den Jungen auf seinen Schoß. „Schatz, deine Klassenlehrerin hat mich gerade angerufen und erzählt, dass du sie eine „gemeine Kuh“ genannt hast. Du weißt doch, dass man so etwas nicht sagt. Was ist denn passiert?“ Der Junge schaute bedrückt auf den Boden, schien kurz nach Worten zu suchen und sagte schließlich: „Also weißt du, wir sollten letzte Woche so einen Aufsatz schreiben. In Deutsch. Da sollten wir aufschreiben, was wir einmal werden wollen, wenn wir groß sind. Und heute haben wir das zurück bekommen und die Lehrerin hat gesagt, ich soll das nochmal schreiben, weil ich das Thema nicht richtig verstanden hab. Also weil wir einen Beruf aufschreiben sollten und sie hat gesagt meins ist kein Beruf und wenn ich das nicht nochmal mache, bekomme ich eine schlechte Note.“ Immer noch geknickt, starrte der Junge auf seine Füße. „Aber was hast du denn geschrieben, was so falsch war?“, fragte der Vater. Daraufhin rutschte der Junge von seinem Schoß herunter, verschwand für ein paar Minuten im Nachbarzimmer und kam schließlich mit einem zerknitterten Zettel zurück. Ganz oben hatte die Lehrerin in Rot „Thema verfehlt“ notiert und daneben „ansonsten gut gelungen“. Darunter stand in vorgedruckten Buchstaben: Wenn ich einmal groß bin, dann… In krakeliger Kinderschrift hatte sein Sohn …möchte ich so werden wie mein Papa. dahinter geschrieben. „Mein Papa arbeitet viel und er arbeitet auch lange. Und wenn er zu Hause ist, dann ist er auch ganz schön müde. Aber mein Papa hat trotzdem immer Zeit mir vor dem Schlafengehen eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Und mir einen Kusszu geben. Er hat mir auch gezeigt wie man Nudeln macht. Das ist gar nicht so schwer. Und es macht Spaß. Und wir können die Nudeln dann zusammen essen. Letzte Woche war nach dem Spielen ein Loch in meiner Hose und mein Papa war nicht böse. Er hat so einen Sticker mit einem coolen Auto drauf gemacht und das Loch war wieder zu. Mein Papa lacht immer wenn er mich sieht, auch wenn er müde ist und er hat mich immer lieb. Er ist ein toller Papa. Und deswegen möchte ich auch so ein toller Papa werden, wenn ich groß bin.“
Von Emotionen übermannt ließ er den Zettel sinken. Dann las er ihn noch einmal und noch einmal und wusste trotzdem nicht was er sagen sollte. „Ich weiß, dass man nicht „gemeine Kuh“ sagt. Tut mir leid. Aber ich fand das einfach scheiße, dass die Lehrerin gesagt hat, dass es nicht richtig ist aufzuschreiben, dass ich so werden will wie du. Ich fand das eben gut.“, brach der Junge schließlich das Schweigen. Sein Vater sah zu ihm auf, legte den Zettel beiseite und zog seinen Sohn ganz fest an sich. „Schon okay, mein Schatz.“, brachte er endlich hervor, „Ich hab dich ganz ganz doll lieb. Und ich finde es toll, was du geschrieben hast.“ Und in diesem Moment war es schwer zu sagen, wessen Lächeln das breitere war. Das erleichterte des Sohnes oder das gerührte des Vaters.

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