Dunkelheit verlässt uns nicht

Als ich noch klein war, las mir meine Mutter oft die Geschichte eines jungen Mädchens vor, das einen Hund vor dem Ertrinken rettete. Zum Dank warnte der Hund sie eines Nachts vor einem bösen Mann, einem Einbrecher, der sich unter dem Bett des Mädchens versteckte. Die Geschichte prägte mich so nachhaltig, dass ich abends nicht mehr ins Bett gehen konnte, ohne vorher einen Blick darunter geworfen zu haben. Andere fürchteten sich vor Monstern, ich mich vor bösen Männern. Tagsüber tat ich das nie. Tagsüber kam mir nie der Gedanke, dass auch da jemand unter meinem Bett liegen könnte. Erst wenn die Nacht hereinbrach, kam auch die Angst zurück. In der Dunkelheit schien alles so viel bedrohlicher, obwohl das eigentlich gar keinen Sinn ergab. Die Angst vor dem Mann unter meinem Bett verließ mich erst, als mein Vater mich eines Tages im Spaß fragte, was ich denn zu tun gedenke, wenn ich einmal einen solchen Mann unter meinem Bett finden würde. Ich weiß noch, dass ich den Mund auf und wieder zu klappte, keine Antwort darauf fand und plötzlich begriff, wie unsinnig das Ganze war.
Ich wurde älter und wie ich damals fand auch cooler und erwachsener. Über die Geschichte mit dem Mann unterm Bett war ich lägst hinweg und ich glaubte, dass mir die Dunkelheit nun nichts mehr anhaben konnte. Doch ich lag falsch. In meiner späten Jugend verfiel ich einer ganz neuen, ganz anderen Form der Dunkelheit. Bevor ich richtig begriff was passierte, fand ich mich in einer Situation wieder, die mir jegliche jugendliche Leichtigkeit nahm. Ich begann mich selbst und meinen Körper so sehr zu hassen, dass mein Siegelbild der reinste Dämon für mich war. Meine Gedanken waren das pure Gift für meine Seele und brachten mich schließlich dazu ein Schatten meiner Selbst zu werden. Erst einige Jahre später wurde mir bewusst, wie knapp ich der endgültigen Dunkelheit – dem Tod entkommen war. Und um zu erkennen, warum ich dieses Leben um keinen Preis auf der Welt vorzeitig gegen die finale Dunkelheit eintauschen wollte, brauchte es wiederum ein paar Jahre.
Als junge Erwachsene hatte ich endlich viele meiner alten Ängste überwunden und war auf einen Menschen gestoßen, der all meine düsteren Gedanken in Lust auflöste. Ich ließ einen Menschen in mein Leben, der jegliche Form der Dunkelheit vertrieb, sobald sie sich zu nah an mich heran wagte. Ich ließ Liebe in mein Leben. Und Liebe ist das beste Mittel gegen Dunkelheit. Gegen Angst in der Dunkelheit. Liebe lässt dich die Dunkelheit plötzlich nicht mehr fürchten, sondern als wohltunende Stille, als Kuschelzeit, als romantischsten Tagesabschnitt empfinden. Liebe erleuchtet dein Herz, sodass jeder Schatten weichen muss. Wo Liebe ist, hat die Dunkelheit keinen Platz mehr. Zumindest dachte ich das. Vielleicht wünschte ich es mir auch. Liebe vertreibt die Dunkelheit aber auch nur so lange, wie es sie gibt. Wenn es sie nicht mehr gibt, hinterlässt sie eine Leere, die sich nicht in Worte fassen lässt.
Als erwachsene Frau, oder wie meine Eltern stets zu sagen pflegten „in der Blüte meines Lebens“, hätte ich Zeit für eine Menge Licht, helle Stunden, Tage und Jahre gehabt. Es war die Zeit in der meine Freunde anfingen ihre Karriere zu feiern, die Zeit in der ich auf Hochzeiten eingeladen wurde und Glückwunschkarten zu Geburten schrieb. Es war aber auch die Zeit in der ich jeden Tag das Grab meines Mannes besuchte und mich fragte, wann mich diese entsetzliche Dunkelheit wieder los lies. Es war die Zeit in der ich mir die Angst vor dem Mann unterm Bett zurück wünschte, weil sie so viel erträglicher gewesen wäre, als der Schmerz, den ich empfand wenn ich nachts im Bett ins Leere griff, anstatt die Arme um den warmen Körper meines Geliebten zu schließen.
Dunkelheit, begriff ich, hat nicht zwangsläufig etwas mit der An- und Abwesenheit von Licht zu tun. Dunkelheit können wir auch am schönsten Junimorgen im Herzen tragen. Ob wir sie fürchten hat auch nichts damit zu tun wie alt wir sind, oder wie reif. Wenn wir es zulassen, dann wächst sie mit uns, sie verfolgt uns und lässt und nie wieder los. Und selbst wenn wir versuchen gegen sie anzukämpfen, werden wir sie nur schwer besiegen. Weil Dunkelheit nicht gleich Dunkelheit ist. Und sie uns stets in irgendeiner Form wiederfinden wird.

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