„Vielleicht, solltest du es einfach rauslassen. Im Ernst, du musst dich dafür nicht schämen. Hauptsache es geht dir besser.“ „Nein, nein, nein, ich schaff das!“, lalle ich und verstecke mich unter einer Decke, als könne mich die Übelkeit so nicht mehr finden. Es ist 5 Uhr morgens und ich versuche seit einer halben Stunde mich nicht auf die Couch deines Mitbewohners zu übergeben. Mein Kopf fährt fröhlich Karussell und ich bin überzeugt, dass mir schon lange nicht mehr so verdammt schlecht gewesen ist. Einen Moment lang habe ich noch versucht ich die Weingläser und Bierflaschen zusammen zu rechnen, denen ich meinen Zustand wohl verdanke aber schließlich aufgeben. Jetzt sitze, knie und liege ich abwechselnd auf der Couch und verfluche das Karussell in meinem Kopf. Ich spüre deinen besorgten Blick durch den Stoff der Decke hindurch. Einen Moment lang ist es still. Irgendwann höre ich dich leise sagen, dass du mich so auf gar keinen Fall nach Hause gehen lässt. Ich versuche zu protestieren, finde mich kurz darauf aber doch in deinem Bett wieder. Dein Bett ist warm und weich und es riecht nach Geborgenheit. Genau wie du. Verrückt, denke ich, weil ich dich ja gar nicht wirklich kenne. Trotzdem fühle ich mich schlagartig wohl. Ich rutsche näher an dich heran, vergrabe mich in deinen Armen und bin froh, dass es dich nicht zu stören scheint. Die Wärme deines Körpers tut gut und ich spüre, wie das Karussell in meinem Kopf endlich langsamer fährt. Ich spüre deine Finger auf meiner Haut und meine Hände in deinen Haaren. Einen Kuss. Einen Kuss auf die Nase und das Karussell bleibt endlich stehen. Die Übelkeit in meinem Bauch hat einer wohligen Wärme Platz gemacht und bevor ich einen weiteren Gedanken fassen kann, bin ich auch schon eingeschlafen.
Als ich am nächsten Morgen aufwache, bist du weg, aber dein Geruch erfüllt noch den ganzen Raum und ich vergrabe meine Nase im deinem Kopfkissen. Am liebsten würde ich den Rest des Tages einfach hier liegen bleiben. Ich schlafe wieder ein und als ich das nächste Mal aufwache, bin ich immer noch allein. Langsam richte ich mich auf und spüre sofort das leichte Dröhnen meines Schädels. Mein Kopf hat das Karussell inzwischen gegen einen Kater getauscht. Ich seufze und lasse meinen Blick durch das fremde Zimmer um mich herum schweifen. Dein Zimmer. Faszinierend, denke ich nach wenigen Minuten, wie viel ein Raum über einen Menschen verraten kann. Es gibt diese leeren kalten Räume, bei denen man sich immer fragt, ob sie überhaupt bewohnt werden. Räume, die sich durch die maximale Abwesenheit von Persönlichkeit auszeichnen. Dein Zimmer ist das absolute Gegenteil. Dein Zimmer ist gefüllt mit dir, obwohl du selbst überhaupt nicht da bist. Es ist bunt und voll und trieft vor Erinnerung. An den Wänden hängen alte Filmplakate, Lichterketten und eine Pinnwand, an der Fotos und Konzertkarten kleben. Was wohl dein allererstes Konzert gewesen ist? Die Bücherregale sind bis zur Decke mit Romanen, Comics und Figuren von Superhelden und anderen Fantasycharakteren gefüllt. Welche Comic-Figur magst du wohl am liebsten und woher kommt deine Faszination für Sammelfiguren? Zwischen den Regalen steht ein Fernseher, angeschlossen an eine Playstation 5 und neben dem Bett ein Sofa, dass aussieht, als hätte es schon viele gemütliche Abende mit philosophischen Gesprächen erlebt. Bei welchem Game du wohl die meisten Spielstunden hast? Hast du lange irgendwo angestanden, um als einer der ersten die Playstation 5 zu bekommen? Worüber philosophiert du am liebsten?
Je länger ich mich umsehe, desto klarer wird mir plötzlich wie intim dieser Einblick ist. Dieser Blick in dein Zimmer, dieses mir fremde Zimmer, ist intimer als jeder Kuss der gestrigen Nacht. Er ist wie ein kleiner Blick in deine Seele. Ich spüre, wie mir mulmig zu mute wird. Ich habe keine Ahnung, ob dir das Recht ist und du bist nicht da, um dich zu fragen. Mit einem Mal fühle ich mich wie ein Eindringling. Ich fische meine Sachen vom Sofa und ziehe mich an. An der Tür drehe ich mich nochmal um. Es gibt Räume, denke ich, die verlässt man so wie man gekommen ist. Dein Raum ist nicht so ein Raum. Ich drücke die Klinke herunter und verlasse den Raum mit tausend Fragen im Kopf. Tausend Fragen zu dir.
