Die Luft um sie herum pulsierte, während sich die Zeit in einem eigenartigen Zwischenzustand befand, der dieser gleichzeitig erlaubte still zu stehen und sich mit dreifacher Geschwindigkeit fortzubewegen. Jeder einzelne Moment fühlte sich wie eine eigene kleine Ewigkeit an. Aber sobald er endete, schien er bereits in unerreichbarer Ferne zu liegen. Alles schien so unwirklich, dass sie glaubte, sie müsse sich in einem Traum befinden. Andererseits hatte sie auch noch nie von einem Traum gehört, der so intensiv war, dass sich jedes Gefühl doppelt so stark und jede Bewegung, wie der bloße Inbegriff des Lebens anfühlte. Jeder ihrer Sinne schien in seiner Empfindlichkeit verstärkt, sodass eine einzige Berührung ihren ganzen Körper zu elektrisieren vermochte.
Während ihr Kopf auf seiner Brust ruhte, hörte sie sein Herz so laut schlagen, wie das Ticken einer Uhr, auf die man sich völlig unerwartet konzentriert. Es schlug schneller, als gewöhnlich. Erregt von etwas – oder jemandem. Ihretwegen? Ein unheimlicher, aber dennoch faszinierender Gedanke, dass ein Mensch den Herzrhythmus eines anderes durch seine bloße Anwesenheit verändern konnte. Aber hatte sie denn überhaupt das Recht dazu, sein Herz so aus dem Gleichgewicht zu bringen? Was konnte sie ihm schon geben? Was verband sie beide denn überhaupt? Weder eine jahrelange Freundschaft, noch ein ausgeprägtes Wissen über die Gefühle und das Leben des Anderen einigte sie. Sie konnte ihm keinen außergewöhnlich anziehenden Körper geben und er ihr nicht die Sicherheit, die sie brauchte.
Je länger diese Gedanken ihre Kreise zogen, desto flauer wurde das Gefühl in ihrem Magen. Je stärker der Glaube einen Fehler begangen zu haben. Sie fühlte sich plötzlich hilflos und entblößt. Verunsichert suchte sie in der Dunkelheit seine Augen. Und als sie sie fand, erkannte sie schlagartig, die Antwort, die sie übersehen hatte. Die Antwort auf die all die zweifelhaften Fragen und Gedanken. Es spielte keine Rolle, was sie beide in der Finsternis dieser Nacht nicht verband. Man muss einen Menschen nicht von klein auf kennen, um ihn zu kennen. Ein einziger Blick in seine Augen genügte, um sie glauben zu lassen, sie blicke direkt in seine Seele. Eine Seele, so zerbrochen, wie ihre eigene. Sie griff nach seiner Hand. Vielleicht, dachte sie, vielleicht ergaben zwei zerbrochene Seelen wieder eine Ganze. Vielleicht war es genau das, was sie beide anzog: Das Gefühl durch den anderen ein bisschen weniger gebrochen zu sein.
