Mission online

DAS SCHWEIGEN DER ANDEREN

Wer kennt sie nicht, die gute alte Hausaufgabenkontrolle. Bereits in der Schule war sie ein Phänomen für sich. Ganz plötzlich mussten drei Leute aufs Klo, die Hälfte der Klasse starrte verlegen in die Luft und wieder andere blätterten minutenlang in ihren Heftern hin und her, als würden sie ihre Notizen suchen. Notizen, die es selbstverständlich gar nicht gab. Ich für meinen Teil, habe versucht Stilaugen zu entwickeln, um die Notizen meiner Banknachbarin lesen zu können. Vorausgesetzt natürlich, dass sie die Hausaufgaben gemacht hatte.
Während der Online-Lehre nützen Stilaugen zwar nicht viel, aber es haben sich ganz neue Möglichkeiten eröffnet, die Hausaufgaben nicht vorstellen zu müssen. Es ist schon immer sehr auffällig, wenn der Dozent die Rechercheaufgaben oder Textanalysen vergleichen will und ganz plötzlich alle Studenten technische Probleme haben. Der Ton spinnt, das Bild hängt oder der Akku ist genau in dem Moment leer. Mir ist klar, dass das nicht jeder absichtlich macht. Mein Akku ist auch gefühlt zehn Mal am Tag alle, aber die Situation lässt sich nun mal sehr gut ausnutzen.

Sind alle angeblichen oder tatsächlichen Probleme behoben und der Dozent wiederholt die Frage, dann herrscht meistens Stille. Wie früher im Klassenzimmer. Nur dass die Dozenten jetzt niemanden mehr vor an die Tafel holen können. Eine Dozentin von mir hat letztens versucht, die Stille zu durchbrechen und jemanden aufzurufen. Aber auch dieser Versuch wurde mit Stille quittiert. „Bist du da?“, fragte sie ein paar Mal, aber es kam keine Antwort. Wer weiß, vielleicht war die Person gerade mit Bügeln oder Abwaschen beschäftigt. Hinter seinem Bildschirm kann man sich einfach so wahnsinnig gut verstecken.

Aber auch unsere Dozenten sind talentierte Nutzer der Situation. Mein Lieblingszitat der letzten Woche zeigt das ganz schön: „Ach so, ich wollte Ihnen ja was zuschicken. Warum habe ich das eigentlich nicht gemacht? Ich weiß es nicht. Das hat bestimmt einen Grund. Aber den muss ich mir erstmal ausdenken.“ Wir können uns also alle gemeinsam an die Nase fassen.

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