MEIN ERSTER VERSUCH EINER REPORTAGE

DIE RUHE NACH DEM STURM

Es ist Donnerstag, der zweite Januar 2020, der zweite Tag des neuen Jahres. Draußen scheint die Sonne und kämpft mit ihren warmen Strahlen gegen die eisige Luft an. Die Straßen und Gassen der Dresdner Innenstadt sind auffällig leer, verglichen mit den letzten Tagen. Einige verlassene Sektflaschen und Überreste von Wunderkerzen zeugen noch von der Feierlaune zum Jahreswechsel. In den Schaufenstern der Läden und an den Wänden der Cafés hängt noch immer die Weihnachtsdekoration neben Lichterketten und Tannengrün. So auch im „Grand Café und Restaurant Coselpalais“ direkt gegenüber der Frauenkirche.

Das leuchtend gelbe Gebäude, dessen historischer Ursprung auf das Jahr 1765 zurück geht, versprüht mit seinem noblen Ambiente und prunkvollem Charme noch immer weihnachtliche Stimmung. Zwei große grüne Tannen säumen das Eingangstor. Im Vorhof des Cafés sind kleine Feuerstellen aufgebaut. Beim Betreten des Gebäudes wird man von einer ausladenden Kuchentheke, gefüllt mit Leckereien von Eierschecke bis Porzellantorte, begrüßt. Von links lächelt einem die Gräfin Cosel von ihrem Portrait aus zu, von rechts Kurfürst August der Starke. Die Wände und Fenster sind mit roten Kugeln, Tannenzweigen, samtenen Schleifen, künstlichen Eiszapfen und Schneesternen geschmückt. Sogar ein kleiner Weihnachtsbaum steht noch neben dem Empfangstresen. Mit Kunstschnee, roten Beeren und Eichhörnchen aus Plüsch wirkt er fast ein wenig kitschig, aber irgendwie passt er zu dem nachhallenden Zauber der Weihnachtszeit. Es ist angenehm ruhig in dem großen Palais. Lediglich die instrumentale Version von „Con te partirò“ dudelt im Hintergrund, während die Kaffeemaschinen leise vor sich hin summen. Eine Kellnerin bietet einem Aushilfsjungen an ihm noch etwas zu erklären, falls er Fragen
habe. Jetzt sei ja Zeit, meint sie. Ein anderer Mitarbeiter ändert währenddessen das Tagesgericht auf einer schwarz-goldenen Tafel. Das Telefon klingelt. Eine Reservierung wird getätigt. Ein Kuchen wird bestellt, eine leere Kaffeetasse abgeräumt. Die Musik wechselt zur Instrumentalversion von „Yesterday“. In der Luft liegen Ruhe und Frieden.

Ein paar Tage zuvor ist das allerdings kaum denkbar.

Das ganzjährig geöffnete Café lädt seine Gäste auch an Weihnachten und Neujahr von 11 bis 22 Uhr ein, am 31.12. sogar bis 2 Uhr nachts (ausgenommen einer Pause zwischen 16.30 und 18 Uhr). Auf der Website ist schon Tage zuvor zu lesen, dass für den 24., 25., 26. und 31.12. keine Reservierungen mehr entgegen genommen werden. Das „Grand Café und Restaurant“ ist restlos ausgebucht. Alle 4 Räume. Alle 60 Tische. Nur im Vestibül, im Eingangsbereich, wird nicht reserviert. 10 Tische stehen den spontanen Besuchern also noch zur Verfügung. Und auch die sind während der Feiertage bis zum letzten Platz besetzt. Wo die Atmosphäre heute von Frieden erfüllt ist, trieft sie an den Feiertagen eher vor Stress und Hektik. Die Weihnachtsmusik, die leise im Hintergrund spielt, ist kaum zu verstehen. Übertönt wird sie von einem lauten Gewirr aus unzähligen Stimmen, klirrenden Gläsern, klapperndem Besteck und hin und wieder meldet sich ein Baby aus dem Schlaf zurück. Für einen Moment hat das Szenario erstaunliche Ähnlichkeit mit einem Nachtclub. Man muss fast schreien um sein eigenes Wort zu verstehen.

Ab und zu, wenn die Schwingtür zur Küche aufgeht, erhascht man einen Blick auf Berge von dreckigen Tassen und Tellern, hinter dem das Abwaschpersonal geradezu verschwindet.

Kellner und Kellnerinnen versuchen sich zwischen den Gästen durchzuschlängeln, beladen mit bis zu vier Tellern gleichzeitig. Obwohl ihnen der Stress anzusehen ist, sieht man sie dennoch an jeden Tisch mit einem Lächeln herantreten. Schließlich ist Weihnachten. Trotz der Hektik, versuchen sie den Gästen ein Gefühl von Gemütlichkeit und Nächstenliebe zu vermitteln. Sicherlich gar nicht so einfach, wenn man selbst nicht bei den Liebsten sein kann.

Kellnerin Katja ist seit über 10 Jahren Teil des Teams im Coselpalais und erzählt: „Es ist ja klar, dass wir Personal brauchen, das an den Feiertagen arbeitet. Auch das Kollegen mit Kindern Vorrang bei der Urlaubsplanung oder Schichteinteilung haben ist in Ordnung. Aber ich konnte die letzten 8 Jahre das Weihnachtsfest nicht gemütlich mit meiner Familie verbringen. Jedes Jahr hatte ich Dienst und wenn ich dann ausgelaugt und genervt so gegen 23 Uhr nach Hause kam, saß die Verwandtschaft meist stillschweigend um mich herum, gebannt davon wie ich ausgehungert den Rest des Bratens vom Abendessen in mich hineinstopfte.“

Auch Oberkellnerin Hannah bestätigt die Überlastung des Personals zur Weihnachtszeit: „Wir haben einfach keine Leute. Das Personal fehlt. Aus unserem Team geht diesen Dezember keiner mit weniger als 230 Stunden nach Hause.“

230 Stunden. Das ist umgerechnet ungefähr eine 57-Stunden-Woche. Eigentlich eine Zumutung. Vor allem in der Weihnachtszeit, die doch für Besinnlichkeit steht. Das Coselpalais selbst, kann allerdings nichts dafür. Der Trend geht in Deutschland immer mehr dazu, dass an Weihnachten nicht mehr zu Hause gekocht, sondern auswärts Essen gegangen wird. Laut der Buchungsplattform „Quandoo“, gab es im Jahr 2018 für den 26.12. einen Buchungsanstieg von ca. 43%. In anderen Ländern ist im Gegensatz dazu ein deutlicher Buchungsabfall zu verzeichnen. In Italien sind es zum Beispiel -6%, in Australien sogar -40%. Was die Deutschen wohl am Essen gehen finden?

Wer ins Café oder Restaurant geht hat natürlich den enormen Vorteil, dass nicht Einer die ganze Zeit in der Küche steht, die ganze Arbeit hat und sich nicht wirklich am Familiendialog beteiligen kann. Auswärts sitzt man zusammen am Tisch und genießt die gemeinsame Zeit. Wenn jemand vegetarisch essen möchte, während der Nächste seinen Braten braucht und ein Dritter eine Glutenunverträglichkeit hat, lässt sich das im Restaurant natürlich einfacher regeln, als beim traditionellen Essen zu Hause. Wie gemütlich der ganze Besuch allerdings noch ist, wenn im Gang neben einem schon die nächsten Gäste
lauernd auf ihren Tisch warten und man eine Geräuschkulisse wie in einem überfüllten Schwimmbad hat, bleibt fraglich.

Ein paar Tage nach all dem Weihnachtstrubel fühlt sich der Besuch im Coselpalais jedenfalls besinnlicher an, als an den tatsächlichen Feiertagen. In den Gesichtern von Gästen und Personal sieht man ein Lächeln. Diesmal allerdings dauert es länger an, als die Zeit die es braucht das Essen zu servieren. Der Weihnachtsschmuck wirkt nahezu passender, magischer und weihnachtlicher als zwischen all dem Stress und der Hektik, wo ihn sowieso kaum jemand beachtet. Alles in allem hat man das Gefühl als würde das ganze Haus – vielleicht sogar die ganze Stadt aufatmen und die Ruhe nach dem alljährlichen Weihnachtsansturm genießen.

Die Namen der Kellner wurden für die Reportage geändert.

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