45 Minuten Begeisterung, Bereicherung und Bildung

Liebe Mitschüler und Mitschülerinnen,


nichts schreckt mehr vom Theater ab, als eine Vielzahl schlechter Stücke. Nichts entzieht einem den Zugang zu Kunst mehr, als öde wirkende Gemälde und nichts nimmt einem die Lust zum Lesen mehr, als ein Stapel Bücher, die einen nicht im Geringsten interessieren. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir uns Büchern widmen, zu denen wir einen Zugang finden. Leider ist im Deutschunterricht oft genau das Gegenteil der Fall.


Hand aufs Herz, kennen wir ihn nicht alle? Diesen Moment wenn wir die Pflichtlektüre resigniert zuklappen, weil sie uns nicht ansatzweise interessiert? Wenn wir dann im Unterricht sitzen und inständig hoffen nicht dran zu kommen, weil wir wirklich so gar keine Ahnung vom Buch haben? Wirklich zielführend ist das ja auch nicht, oder? Unsere Lehrkräfte müssen dann notgedrungen mit den zwei Schülern arbeiten, die das Buch doch gelesen haben, während der Rest hilflos Löcher in die Luft starrt.
Eh es dazu kommt, eh wir gar nicht lesen, wäre es nicht sinnvoller das zu lesen, was uns tatsächlich begeistert? Na dann macht das doch in eurer Freizeit, mag da der ein oder andere sagen. Dabei fehlt zu Hause einfach oft die Zeit dafür. Der Tag ist längst gefüllt mit Hausaufgaben, Nachhilfe, Lernen, Teamsport, Klavierunterricht oder Ähnlichem. Wo soll man denn da noch Zeit zum Lesen finden? (etwas polemisch, ich weiß)
Die Lösung ist so einfach wie genial. Anstelle von fünf herkömmlichen Deutschstunden, sollte es nur noch vier geben, während die Fünfte zu einer Lesestunde umfunktioniert wird. In diesen 45 Minuten, sollte es uns Schülern ermöglicht werden, jegliches frei gewählte Buch zu lesen. Dabei wäre es vollkommen egal ob Krimi, Liebesschnulze oder Historienroman. Hauptsache das Buch interessiert den Schüler, der es liest.
Aber warum das alles, fragt ihr euch? Warum sollten wir überhaupt so viel lesen? Dafür gibt es
nicht nur einen, sondern eine ganze Handvoll Gründe. Zum einen wird unsere Fantasie dadurch angeregt, was uns dabei hilft, die Welt nicht nur in Schwarz-Weiß, sondern mit vielen verschieden Augen zu sehen. Das wiederum führt dazu, dass wir die erstaunlichsten Lösungsansätze für unsere Probleme entwickeln.
Was die Meisten von euch sicher nicht erwarten würden ist, dass das Lesen auch die Sozialkompetenz fördert. Durch den Verlauf der Geschichten und das Verhalten der Charaktere wird eine gewisse Moral vermittelt, die wir dann unbewusst auf unser eigenes Leben beziehen. Damit können wir unser Verhalten gegenüber anderen verändern, werden höflicher, hilfsbereiter, oder lernen zu verzeihen. Je nachdem was uns das jeweilige Buch vermittelt. Gleichzeitig bereichern wir aber auch unsere eigene Persönlichkeit. Wir fangen an, so sein zu wollen wie die Helden in unseren Geschichten, wie Harry, wie Katniss, wie Aragorn und versuchen ihre Eigenschaften auf uns zu übertragen. Oder wir wachsen an den ermutigenden Worten unserer Lieblingscharaktere. So lehrte mich zum Beispiel Thomas aus „Die Auserwählten“ niemals aufzugeben und sein bester Freund Newt niemals die Hoffnung zu verlieren. Allerdings funktioniert all das nur bei Figuren und Geschichten, mit denen wir uns identifizieren können und die uns bewegen. Es liegt auf der Hand, dass wir aus Erzählungen die uns kalt lassen oder langweilen keinerlei Überzeugungen und Anregungen mitnehmen werden.
Noch relevanter für den Deutschunterricht ist allerdings ein anderer Aspekt. Das Lesen fördert unsere Sprachkompetenz. Habe ich gar nicht nötig, denkt ihr euch jetzt? Lesen und Schreiben kann doch! Das mag stimmen, aber spätestens wenn wir uns an die witzigen Folien unserer verkorksten Sätze und Wörter in Klausuren erinnern, sollte klar werden dass man eigentlich immer irgendetwas dazu lernen kann. Durch Lesen eignen wir uns nicht nur die korrekte Schreibweise von Wörtern an, sondern auch die richtige Kommasetzung und ein allgemeines Repertoire an Formulierungen und Wörtern. Denn seien wir mal ehrlich. Wer von uns hat sich nicht schon mal gewünscht, ihm viele doch ein Synonym für dieses eine blöde Wort ein, das sich ständig wiederholt.
Weiterhin stellt Lesen eine Erholungsphase dar, die wir zwischen Mathe, Biologie und Geschichte bestimmt alle mit offenen Armen begrüßen würden. Warum Lesen so wichtig ist, müsste damit jedem klar geworden sein.

Die Meisten werden sich aber sicherlich noch fragen, wie das Lesen im Unterricht organisiert wäre und träumen insgeheim schon von wöchentlichen 45 Minuten nichts tun. Das soll natürlich auch nicht das Ziel sein. Die grundlegende Idee ist, dass jeder Schüler und jede Schülerin stets ein selbstgewähltes Buch mitbringt und Zeit hat dieses Buch in seinem oder ihrem ganz eigenen Tempo zu lesen. Die Lehrkraft ist dabei ebenfalls im Raum, kann aber selbst lesen oder auch Arbeiten korrigieren. Außerdem ist jedes Buch mit einer Aufgabe verbunden. Man kann zum Beispiel eine Figurenkonstellation anfertigen, eine Rezension schreiben oder den Schreibstil analysieren. Dabei übt man das Erstellen verschiedener Textarten und trainiert Methoden der Textanalyse. Bevor jetzt aber gleich die Ersten anfangen zu stöhnen, lasst mich noch Folgendes hinzufügen. Der Unterschied zu unserem aktuellen Unterricht ist, dass wir das Ganze anhand von Büchern praktizieren, die uns wirklich mitreißen und begeistern. Besser kann man es doch gar nicht machen, oder? Ich bin sicher ihr stimmt mir zu, dass wir alle viel aktiver arbeiten würden, wenn wir Spaß an unseren Geschichten hätten. Gleichzeitig ginge es nicht darum, die Lektüre, die uns am Herzen liegt tot zu analysieren, bis man die Freude daran verliert. Es geht lediglich um eine intensive Auseinandersetzung mit dem Gelesenen.
Außerdem könnte man sich ganz nebenbei untereinander Bücher empfehlen und gegenseitig ausborgen. Im Nachhinein bieten die Bücher dann möglicherweise die Grundlage gemeinsamer Gespräche und Diskussionen. Eine gute Geschichte ist eben wie Glück. Sie wächst, wenn man sie teilt.
Deshalb sollte man, nein, sollten wir für genau so eine Lesestunde kämpfen, ganz egal wie viel
Bürokratie es auch kosten mag! Und wenn nicht mehr für uns, dann wenigstens für unsere Kinder, die eines Tages mehr Lust haben sollen das Buch und nicht dessen Zusammenfassung auf Wikipedia zu lesen.
Dankeschön.

Anmerkung: Der Text enstand circa 2017 im Rahmen meines Deutsch-Leistungskurses.

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