Ihr Handy surrte. Hastig griff sie danach. „Vergiss bitte den Arzttermin morgen nicht. Mama“. Am liebsten hätte sie laut aufgeschrien. Immer wenn man verdammt nochmal hoffte, dass jemand bestimmtes schrieb, schrieb der nicht. Dafür nervten einen ständig tausend andere Leute, die einem nichts böses wollten, die man aber für einen kleinen Moment einfach dafür hasste, dass sie nicht der waren, von dem man sich nichts sehnlicher wünschte als das er sich meldete. Eine halbe Stunde verging, in der sie alle zwei Minuten auf ihr Handy starrte, obwohl sie genau wusste dass es vibrieren würde, wenn es eine neue Nachricht gäbe. Resigniert warf sie es schließlich aufs Bett, nahm sich ein Buch und schlug es auf. Wenige Minuten später legte sie es wieder beiseite, weil sie ja doch nichts von dem wirklich wahrnahm was da stand. Ihr Gedanken schweiften ab. Sie dachte an sein Lächeln, seine langen Wimpern und die langen dunklen Haare die jedes Mal zum Durchwuscheln aufriefen. Sie checkte abermals ihr Telefon, las erneut ihre letzte Nachricht, fragte sich, ob sie nicht doch irgendetwas falsches geschrieben hatte. Sie starrte auf die blauen Haken und die Leere die danach folgte. Ach verdammt. Die Klingel riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Papa stand draußen und bat um ihre Hilfe im Garten. Erleichtert über die Ablenkung griff sie sich Jacke und Schuhe. Die nächsten Stunden kam sie nicht zum Nachdenken. Sie grub Löcher, schleppte Säcke voll Erde, hackte Unkraut, pflanzte Rosen und Dahlien und konnte sogar über die flachen Witze ihres Papas lachen. Als sie schließlich völlig verdreckt und geschafft wieder das Haus betrat, huschte sie direkt unter die Dusche und genoss das kochend heiße Wasser, das ihr über die Haut rann. Ihr fiel ein, dass sie den Gitarrenunterricht der nächsten Woche noch verlegen musste. Wieder angezogen, suchte sie ihr Handy bis sie es zwischen den Kuscheltieren auf ihrem Bett zu fassen bekam. Sie entsperrte den Bildschirm. Eine neue Nachricht. Erhalten vor zweiundzwanzig Minuten. „Ich hab dir eine Kirschblüte gepflückt. Bekommst du wenn wir uns das nächste Mal sehen.“ Da war es wieder. Das dämliche Dauergrinsen, das sie einfach nicht weg bekam wenn er sich meldete. Ganz egal ob er das letzte Mal vor fünf Minuten oder zehn Stunden geschrieben hatte, er schaffte es jedes Mal, dass die Millionen Glühwürmchen in ihrem Bauch eine solche Party schmissen, dass ihr warm und kribbelig wurde. Er hatte ihr eine Kirschblüte gepflückt? Eigentlich war sie nicht kitschig, aber das war wirklich süß. Das konnte er gut. So liebenswert sein, dass man gar nicht anders konnte als dem zu verfallen. Es fing klein an. Guten Morgen Nachrichten. Interesse für ihr Leben. Postkarten gefüllt mit lieben Worten. Es folgte immer mehr. Eng aneinandergeschmiegte Motorradfahrten. Händchenhalten im Mondlicht. Berührungen die ihren ganzen Körper zum vibrieren brachten. Und jetzt hatte er ihr eine Kirschblüte gepflückt. Dabei hätte sie es wahrscheinlich auch noch süß gefunden, wenn es eine Distel gewesen wäre. So sehr wie er sie, wahrscheinlich ohne es zu wissen, verletzen könnte, hätte das vielleicht sogar besser gepasst. Aber so grinste sie nur dümmlich glücklich und freute sich auf das nächste Treffen.
Vier Tage später war es soweit. Ihr Körper bestand an diesem Abend aus purem Glück. Sie genoss jede Sekunde mit ihm, sog jedes seiner Worte, jeden seiner Blicke und jede seiner Berührungen auf, als sähe sie ihn zum letzten Mal. Sie wünschte sich dass die Zeit stehen bliebe als er sie zum Abschied im Arm hielt, sie seine Wärme und Nähe spürte und er ihr durch die Haare fuhr. Aber die Zeit blieb nicht stehen und wenig später blieb sie allein zurück; in der Hand eine Kirschblüte. Wenn die miteinander schrieben ertrug sie es gerade noch so, aber wenn sie sich gesehen hatten und er dann wieder fuhr wurde ihr jedes mal auf neue bewusst wie es sich anfühlte jemanden so sehr zu vermissen, dass es weh tat. Dieser Moment wenn sich ihr Magen verkrampfte, ihre Lungen zusammenpressten, sodass sie kaum noch Luft bekam und sie zu zittern begann. Wenn sie Angst hatte, dass er nie wieder so zu ihr war, Angst hatte ihn zu verlieren. Wenn ihr die Tränen in die Augen stiegen und sie in Gedanken jede Minute noch einmal Revue passieren ließ. Das war der Moment in dem sie verzweifelte, weil sie gerade noch so glücklich gewesen war und nun glaubte sie könne nie im Leben in ein schwärzeres Loch fallen als jetzt. Und genau das war der Moment in dem ihr auch jedes Mal wieder einfiel, dass er ja eigentlich schon eine Freundin hatte. Und ihr Blick fiel auf die Kirschblüte, die sie noch immer fest umklammert hielt. Nach den vier Tagen war sie braun und vertrocknet, stank aber nicht, sondern sah einfach aus wie eine Pflanze, die entweder ihren alten Glanz verloren hatte, oder dabei war wie ein Schmetterling gerade seine Schönheit zu entpuppen. Sie wischte sich eine Träne vom Gesicht. War das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen.
