eine Reportage über das Scherenschnitt-Studio in Kreischa
Schnipp, Schnapp, Film ab!
Wenn man heutzutage den Fernseher einschaltet, um sich doch einmal eine Sendung oder einen Film anzuschauen, schaltet man ihn oft nach spätestens fünfzehn Minuten genervt wieder ab. Einfach, weil die Werbung stört. Man entschließt sich dann doch lieber eine DVD zu gucken oder ins Kino zu gehen. Aber was sind es eigentlich für Filme, die wir uns ansehen? Größtenteils sind es wahrscheinlich Hollywood Blogbuster, deutsche und amerikanische Komödien, Animationsfilme wie „ Baymax“ und vielleicht auch der ein oder andere Porno. Es sind jene Filme, in denen Schauspieler oder computeranimierte Figuren als Handlungsträger zu sehen sind.
Dass es jedoch noch eine weitere Methode gibt, Geschichten und Figuren zum Leben zu erwecken, wissen oder interessiert die Wenigsten.
Die Scherenschnitt-Filme sind in Vergessenheit geraten, und dass obwohl nicht aufgehört wurde, sie zu produzieren. Bis heute werden im MediaHaus in Kreischa die schwarzen Figuren mit viel Liebe hergestellt und für das Filmemachen fotografiert. Kaum jemand kennt dieses kleine Trickfilmstudio, welches das Einzige in ganz Deutschland ist, wo noch Filme mit dieser Technik herstellt werden.
Das Studiogebäude, wie es heute vorzufinden ist, besteht seit ca. 1990 und wird von dem 74-jährigen Klaus-Jörg Herrmann geleitet. Während des Praktikums, das ich an diesem Ort durchgeführt habe, traf ich außerdem dessen Frau, seinen Sohn und eine längerfristig eingestellte Praktikantin an. Es gibt also nur wenige Mitarbeiter. Bei der Produktion von größeren Projekten erhält Herr Herrmann allerdings Hilfe von Freunden und Partnerfirmen. Diese arbeiten dann meist parallel an dem Projekt und tauschen ihre Ergebnisse über die Internet-Dienstleistung WeTransfer aus. So ist es möglich, auch unter Zeitdruck, Filme bis zum festgelegten Abgabedatum fertig zu stellen. Dieses Prozedere konnte ich während meines Aufenthalts im MediaHaus selbst miterleben.
Als ich am ersten Praktikumstag das Gebäude betrat, arbeitete man dort schon mit Hochdruck. Es ging um zwei Scherenschnitt-Filme, die anlässlich der Eröffnung der Jahresausstellung im Herzog-Pavillion in Bad Lauchstädt fertiggestellt werden mussten. Das Problem war allerdings, dass sich die Auftraggeber sehr spät entschlossen hatten, welche Filme produziert werden sollten, und deshalb lag Herr Herrmann stark im Stress. Er empfing mich dennoch sehr herzlich und zeigte mir kurz das Studio. Im Anschluss bat er mich beim Ausschneiden von einigen Scherenschnitt-Requisiten zu helfen. Ich war froh, mich nützlich machen zu können, und so begann ich meinen ersten Tag damit, schwarze Stängel und Blätter auszuschneiden und sie danach zu einem Gebüsch zusammen zu kleben. Es war eine ganz schöne Friemelarbeit, und ich war erleichtert, dass es nur Pflanzenteile und keine Figurenteile waren. Danach hatte ich zum ersten Mal die Möglichkeit, beim Fotografieren der Pflanzen und der, im Vorfeld von Herrn Herrmanns Frau hergestellten, Figuren zuzusehen. Es ist eine mühselige Arbeit, bei der man viel Geduld und Fingerspitzengefühl braucht.
Die benötigten Figuren und Requisiten werden auf einen Glastisch gelegt, der von unten mit Licht angestrahlt wird. Darüber hängt in ca. zwei Metern Höhe eine Kamera. Die Figuren werden nun mit schwach haftendem Klebeband leicht befestigt. „Ich kaufe immer das Klebeband, dass heruntergesetzt ist, weil es nicht mehr so gut klebt.“, erklärte mir Jörg Herrmann. Warum? Ganz einfach. Wenn der Tesafilm zu stark klebt, zerreißt er beim Entfernen möglicherweise die Figuren.
Wenn diese Vorbereitung abgeschlossen ist, beginnt der Teil der Arbeit, bei dem Feinmotorik und Ruhe gefragt sind. Es wird ein Foto der positionierten Figuren gemacht. Danach werden die Figuren und Requisiten ein ganz kleines Stück bewegt. Dies wird zum Beispiel durch winzige Gelenke an Armen, Beinen, Händen, Köpfen, ja sogar an den Mündern der Personen gewährleistet. Gegenstände können vorteilhafter Weise in einem Stück bewegt werden. So entsteht Bild für Bild. Und jedes Bild unterscheidet sich nur in kleinsten Details.
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Drei Figuren und eine Requisite aus dem Film „Der Kofferdieb“ auf dem Fototisch, Foto: © Laura Prüfer
Es wird in verschiedenen Sequenzen gearbeitet. Das heißt, der Film wird nicht in der Reihenfolge fotografiert, wie die Handlung später abläuft, und er wird auch nicht in einem Stück hinter einander weg produziert. Man beginnt beispielsweise mit Sequenz eins und zwei, macht dann eine Pause, um andere Dinge zu tun, und fährt dann mit Sequenz sechs und neun fort. Das hängt oft von den Requisiten und Figuren, den nebenbei zu bewerkstelligenden Tätigkeiten, Dringlichkeit der Produktion und dem Arbeitsplan der Partnerfirmen ab.
Zu einer der Tätigkeiten die nebenbei durchzuführen waren, gehörte natürlich auch das Mittagessen. Herr Herrmann nahm sich trotz des Stresses die Zeit, für uns zu kochen und eine angemessene Pause zu machen. Beim Essen und anschließenden Tee trinken erfuhr ich viel über den historischen Hintergrund des aktuellen Projektes, das Studio an sich, aber auch viele unglaublich spannende und lustige Geschichten aus dem Leben von Jörg Herrmann. An meinem ersten Praktikumstag lernte ich also nicht nur viel über die Technik des Scherenschnitts, sondern auch Einiges über Friedrich Schiller, Herrn Herrmanns Dienst bei der Armee und seinen Weg zum Filmemacher. Und so fuhr ich an diesem Tag sehr beeindruckt, mit viel Wissen abgefüllt und glücklich nach Hause.
Die nächsten Tage verliefen nicht weniger spannend, obwohl sie stundenlange Computerarbeit beinhalteten. Herr Herrmann zeigte mir, wie man die einzelnen Sequenzen im Schnittprogramm aneinander fügt, einen Vorspann und Abspann erstellt und welche Effekte man üblicher Weise verwendet. Um zum Beispiel einen ruckartigen Übergang zwischen zwei Szenen oder der ersten Sequenz und dem Vorspann zu vermeiden, legt man an die gewünschte Stelle eine sogenannte „Weiche Blende“ an. Diese verursacht ein weiches Überblenden von einer Sequenz in die Nächste.
Wenn dann alle Sequenzen aneinander gefügt worden, exportiert man das Ganze als neue Datei, die man dann erneut ins Schnittprogramm importiert. So kann man mit einer einzelnen Datei weiterarbeiten, was praktischer und sozusagen handlicher ist, als bis zum Fertigstellen des Filmes, alle einzelnen Sequenzen im Schnittprogramm liegen zu haben. Nach dieser kleinen Zwischenhandlung erstellt man einen Vorspann und einen Abspann und fügt an beiden wieder eine „Weiche Blende“ an. Nun hat man einen groben ersten Rohschnitt des Filmes. Doch drei wichtige Dinge fehlen noch. Die Sprache, die Geräusche und die Musik. Das MediaHaus verfügt über ein eigenes Tonstudio, welches die Tonaufnahmen vor Ort ermöglicht. Allein die Musik wird von einem Komponisten in Berlin aufgenommen und dann per WeTransfer nach Kreischa geschickt. Für die Sprachaufnahmen engagiert Herr Herrmann stets Freunde, Bekannte und sogar Schauspieler.
Als in meiner Praktikumswoche nun der Tag kam, an dem die Sprachaufnahmen gemacht wurden, erhielt ich die Aufgabe, die Sprecher aufzunehmen, die besten Aufnahmen auszuwählen und wenn nötig noch nachzubearbeiten.
Wenn die Sprecher beispielsweise zu leise reden, hat man die Möglichkeit, die Aufnahmen mit Hilfe des Computerprogramms „Adobe Audition cs6“ innerhalb von fünf Sekunden lauter stellen. Weiterhin ist es möglich, Nebengeräusche, wie Papierrascheln oder Anstoßen am Mikrofon, herauszuschneiden, beziehungsweise so leise zu drehen, dass sie vom menschlichen Gehör nicht mehr wahrgenommen werden können. Am Ende steht es einem frei, die Aufnahmen als Ganzes oder nur Teile davon abzuspeichern. Das gerade deshalb nützlich, weil der Text immer mehrmals eingesprochen wird, und man so die beste Variante sofort als einzelne Datei speichern kann.
Letztendlich waren alle eingeladenen Sprecher fertig und wir wollten damit beginnen, die Sprache an den Film anzulegen, da stellte Herr Herrmann fest, dass ein Satz vergessen wurde aufzunehmen. So erhielt ich die ehrenwerte Aufgabe diesen Satz zu sprechen. Eigentlich war es sogar nur ein halber Satz („ Lotte hofft…, Lotte hofft dass…), aber die Erfahrung war trotzdem eine, die man nicht jeden Tag macht. Außerdem war es lustig, die eigene Stimme zu bearbeiten und später in einem Film wieder zu finden.
Als endlich der benötigte Text vollständig war, war es wieder an der Zeit, das Schnittprogramm „ Adobe Premiere Pro cs6“ zu öffnen. Als Erstes wurden nun nach und nach die einzelnen Textpassagen importiert. Dann kam der schwierige Teil.
Die Sprache muss immer so an den Film angelegt werden, dass die Mundbewegungen der Figuren mit Anfang und Ende der Aufnahmen übereinstimmen. Man muss also aufpassen, dass die Figur den Mund nicht schon schließt, obwohl die Sprachaufnahme noch nicht zu Ende ist. Das ist keine leichte Aufgabe, weil man die Aufnahmen oft noch einmal auseinander schneiden oder Ewigkeiten im Schnittprogramm hin und her schieben muss, bis es endgültig passt.
Das Zwischenergebnis war dann entsprechend beeindruckend. Die schwarzen Figuren, bewegten sich nicht nur, sie redeten auch. Es fehlte nun nicht mehr viel zum fertigen Film. Bis jetzt gab es die Filmsequenzen, Vorspann, Abspann und Sprache. Was an der Stelle noch fehlte, waren Punktgeräusche wie das Ratschen einer Heckenschere, Atmosphärengeräusche wie Vogelgezwitscher und das Anlegen der Musik.
Für die Beschaffung der beiden zuerst genannten Audiodateien hat man zwei Möglichkeiten. Entweder man sucht sich aus dem Internet passende Dateien oder man nimmt sie selbst auf. Für die Punktgeräusche verwendeten wir Letzteres, für die Atmosphärengeräusche die zuerst genannte Methode. So hatten wir die, liebevoll als „Atmo“ bezeichneten Atmosphärengeräusche, in kürzester Zeit im Netz gefunden und konnten uns der Aufnahme der Punktgeräusche widmen. Herr Herrmann besorgte alle Gegenstände, die man zum Erzeugen der gewünschten Sounds benötigte und dann ging es los.
Geräusche aufzunehmen ist im Grunde nichts anderes als Sprache aufzunehmen. Eine Person geht in die Tonkabine, eine andere zeichnet die Töne auf. Vieles kann man mit den einfachsten Haushaltsgeräten oder gewissen Tricks simulieren. Ein Stein, der in einen See fällt, wird durch Schnipsen mit den Fingern in eine Schüssel voll Wasser vereinfacht dargestellt. Das Zerreißen von Papier, kann durch spezielles Pusten auf eine Papierkante vorgetäuscht werden, ohne das man das Blatt wirklich zerreißen muss.
Herr Herrmann verursachte durch diese Techniken auf schnelle und unkomplizierte Art die Geräusche und ich zeichnete sie auf, bis wir alle hatten, die wir benötigten. Danach öffnete ich im Schnittprogramm drei zusätzliche Audiospuren. Es gibt beim Anlegen der Audiodateien nämlich eine bestimmte Reihenfolge. In die erste Spur kommt die Sprache, in die zweite die Punktgeräusche, in die dritte die Atmosphärengeräusche und in die letzte die Musik. Dies dient zur Übersichtlichkeit und zum geordneten Arbeiten mit diesen Dateien. Sonst gilt aber für alle Sound–Files das Gleiche. Sie müssen so angelegt werden, dass ihr Anfang und Ende mit Bewegung der Figuren und Gegenstände sowie mit Beginn und Schluss der Sequenzen übereinstimmen. Für diese Arbeit sollte man, je nach Filmlänge und Audioanteil, drei bis zwölf Stunden Zeit einplanen. Für die gesamte Arbeit im Schnittprogramm braucht man, bei einem Film mit der Länge von vier Minuten, ungefähr zwei Tage. Ist man damit fertig, bleiben einem nur noch zwei Dinge zu tun. Zuerst muss man den kompletten Arbeitsbereich rendern. Dies ist nötig, weil beim Erstellen des Filmes nicht alle Daten neu berechnet werden, sondern nur stark bearbeitete Dateien oder Frames, an die Überblendungen, Effekte und Ähnliches angelegt wurden. Durch den Rendervorgang geht das Erstellen der Filmdatei danach viel schneller. Es dauert circa zwei Minuten bis die Frames neu berechnet sind und man den Film als neue Datei herausrechnen kann. Hierbei stellt man dann ein, welches Format der Film haben soll, und welchen Video-Codec er besitzt. Im Anschluss drückt man nur noch auf OK, wartet zwischen fünf und fünfzehn Minuten und voilà der Film ist fertig und zum Anschauen bereit. Nach tagelangem Zeichnen, Ausschneiden und Zusammenbasteln der Figuren, nach stundenlangem Fotografieren, Aufnehmen vom Ton und Arbeiten im Schnittprogramm hat man endlich einen Film mit der Länge von vier Minuten geschaffen. Wenn man sich überlegt, dass man für vier Minuten sechs Tage gebraucht hat, wird einem erstmals bewusst, wie viel Aufwand hinter einem Film von ungefähr neunzig Minuten Laufzeit steckt.
So wusste keiner der Besucher, die am Samstag dem 2. Mai zur Eröffnung der Ausstellung in Bad Lauchstädt kamen, wie viel Arbeit die vollständige Produktion des Filmes gemacht hatte, den sie sich dort mit großer Begeisterung ansahen. Und auch keiner der Menschen, die in den nächsten Monaten die Ausstellung besuchen und sich den Film auf dem programmierten Touchscreen im „Herzogpavillon“ ansehen, wird es wissen. Aber ich weiß es. Und ich bin froh darüber. Einfach weil es wichtig ist, dass wir uns bewusst werden, welchen Aufwand Einige von uns leisten, damit wir unterhalten werden. Es ist wichtig zu wissen, dass Menschen, die für unsere Unterhaltung zuständig sind, nicht den ganzen Tag herumsitzen, herumblödeln und nur Spaß haben. Auch diese Leute arbeiten sehr hart und teilweise mit vielen Überstunden. Deshalb kann diesen Job auch nicht jeder machen. Man braucht Kreativität, muss sich seine Arbeit gut einteilen können, muss kommunikativ sein und vor allem mit Technik umgehen können. Und zu all dem benötigt man auch immer ein bisschen Glück. Man muss die richtigen Leute kennen und manchmal vielleicht auch die richtige Idee im richtigen Moment haben. Herr Herrmann hatte eine solche. Es war die Idee, die Scherenschnitt-Filme nicht zu vergessen, sondern sie weiter leben zu lassen. Diese Idee verfolgt er bis heute und ist sehr glücklich damit. Durch ihn habe ich etwas gelernt, dessen wir uns alle bewusst sein sollten: „Nicht alles was alt ist, ist schlecht. Auch ältere Dinge können hohe Qualität aufweisen. Manchmal sogar eine bessere als die Neumodischen.“Eben ganz genauso wie die Scherenschnitt-Filme.
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Klaus-Jörg Herrmann bei der Arbeit im Schnittprogramm, Foto: © Laura Prüfer
Anmerkung: Der Text enstandt im Rahmen meines Schulpraktikums in der 9. Klasse.