Teddy

„Es ist wirklich höchste Zeit, dass du dein altes Spielzeug mal aussortierst!“, hatte ihre Mutter vor ein paar Tagen zu ihr gesagt. „Der meiste Kram steht doch wirklich nur sinnlos rum.“ Ella hatte nichts gesagt und gehofft, dass das Thema nach ein paar Tagen in Vergessenheit geraten wäre. Aussortieren hatte sie nämlich schon immer gehasst. Jedes mal, wenn sie versuchte sich von Gegenständen zu trennen, begann sie diese unweigerlich zu vermenschlichen und sich an gemeinsame Erlebnisse zu erinnern. Wie sollte sie denn bitte ihren kaputten Füller wegscheißen, wenn er ihr doch geholfen hatte, ihre erste Mathearbeit zu bestehen? Oder die Actionfigur, mit der sie zusammen König Kümmel im Garten besiegt hatte? So herzlos konnte doch niemand sein?

Leider hatte ihre Mutter das Thema auch eine Woche später nicht vergessen und ihr einen Pappkarton zum Aussortieren in die Hand gedrückt. „Du hast so viele Sachen, die sinnlos in der Ecke  verstauben. Vielleicht kann man irgendwas davon ja noch auf dem Flohmarkt verkaufen. Oder wenigstens verschenken. Manches muss man vielleicht wieder ein bisschen hübsch machen, aber dann geht das bestimmt.“ Wortlos hatte Ella den Karton entgegengenommen und war in ihr altes Kinderzimmer gestiefelt. Ein paar Minuten lang hatte sie einfach nur da gestanden und den Karton angestarrt als wäre er der Grund für alles Übel in der Welt. Am liebsten hätte sie all ihre Spielsachen in den Karton gepackt und auf den Dachboden geschmuggelt, anstatt irgendetwas auszusortieren. Aber natürlich würde das auffallen und ihre Mutter am Ende ja doch nicht locker lassen. Ella seufzte und machte einen Schritt auf den Spielzeugschrank zu. Sie machte einen weiteren Schritt und begann die Schubladen aufzuziehen, Boxen zu leeren und das darin liegende Spielzeug zu betrachten. Noch bevor sie sich in alten Erinnerungen verlieren konnte, zwang sie sich die Gegenstände so rational wie möglich zu betrachten.

Als erstes zog sie eine Eisenbahn hervor und musste sich eingestehen, dass die in der Ecke verstaubte, seit jemand vergessen hatte, neue Batterien zu kaufen. Als nächstes zog sie einen Kreisel aus dem Schrank und verzog das Gesicht. Bei dem Versuch den Kreisel zu drehen quietschte er einfach nur noch grauenvoll. Sie griff nach den Holzbausteinen und naja, wenn sie ehrlich zu sich selbst war, dann hatte sie damit schon früher nicht viel mehr gemacht als sie zu stapeln. Auch, dass die Barbiepuppe nach dem neunen Kinofilm in ihrer eigenen Generation nochmal ein Revival bekam, bezweifelt sie und der Arztkoffer, mit dem sie früher so gern gespielt hatte, war in seiner jetzigen Form nicht mehr wirklich zu gebrauchen. Das wirklich nützliche Zeug war nämlich schon seit Jahren alle. Als letztes zog sie einen Teddy aus dem Schrank. Den hatte sie auch seit Jahren nicht mehr in der Hand gehabt. Schließlich wollte man den Eltern irgendwann beweisen, dass man jetzt schon groß sei und kein Kuscheltier mehr brauchte. Sie blickt auf die Gegenstände vor ihren Füßen, nickt schließlich, wie um sich selbst zu bestätigen und fängt an die alten Spielsachen in den Pappkarton zu sortieren.

Die Eisenbahn kann weg. 
(Ein paar neue Batterien rein, dann freut sich bestimmt noch ein anderes Kind drüber.)
Der Kreisel kann weg.
(Opa hatte doch irgend so ein Zeug zum Ölen, dann läuft der wieder rund.) 
Die Holzbausteine können weg.
(Vielleicht ist ein anderes Kind kreativer als sie selbst.)
Die Barbiepuppe kann weg.
(Vielleicht hat ja irgendein Kind noch einen Platz in seinem Dreamhouse für sie frei.)
Der Arztkoffer kann weg.
(Wenn sie den nochmal neu auffüllen würde, könnte jemand anderes nochmal seine oder ihre Familie mit übertrieben vielen Dino-Pflastern verarzten.)
Der Teddy kann weg.
(Sie ist ja nun wirklich zu alt dafür.)
Obwohl…

Sie hält inne und zieht den Teddy schließlich wieder aus der Kiste. Sie betrachtet den Plüschbären und muss unwillkürlich lächeln. Sie fährt ihm über die Ohren und entdeckt die kleine Naht, die zeigt, dass sie den Bären schon bis zum Zerfall geknuddelt hat. Sie betrachtet ihn lange und irgendwann kann sie die Mauer der Rationalität nicht mehr aufrecht erhalten. Erinnerungen überkommen sie.

Ella und Teddy bei der ersten Impfung.
Teddy und Ella an der Ostsee.
Ella und Teddy bauen aus Decken und Kissen eine Bude, nur für sie beide. 
Ella hängt Teddy an den Ohren auf und holt ihn nach 2 Minuten wieder von der Wäscheleine herunter; aus Angst die Klammern könnten ihm weh tun.
Teddy und Ella schlafen gemeinsam ein. 11 Jahre lang. Kein einziges Mal ohne einander. Ellas Lächeln wird breiter. Sie schnappt sich die Pappkiste und verlässt das Kinderzimmer. Die Sache ist schließlich klar.
Die Eisenbahn kann weg.
Der Kreisel kann weg.
Die Holzbausteine können weg.
Die Barbiepuppe kann weg.
Der Arztkoffer kann weg.
Aber der Teddy, der kann nicht weg.
Ganz im Gegenteil.
Teddy bekommt einen Ehrenplatz. Und zwar ganz genau da, wo er hingehört. In ihrem Bett. Bereit wieder gemeinsam einzuschlafen.

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