oder Ein ungleiches Paar
„Motivation?“ Stille. „Mo-ti-va-tio-on?“ Immer noch Stille. Ich seufze. Wo steckt sie denn nur schon wieder? Immer, wenn man sie braucht, ist sie nicht da… Ich sehe mich um und überlege, wo ich sie zuletzt gesehen habe. Mein Blick fällt auf das Buch, in dem ich kurz zuvor noch gelesen hatte. Die Buddenbrooks. Nein, da war sie definitiv auch schon weg. Ich muss sie irgendwann davor verloren haben.
Ich lasse meinen Blick weiter schweifen, bleibe an dem bunten Blumenstrauß hängen, den mein Papa mir vor zwei Tagen zum Geburtstag geschenkt hat und entdecke die kleine Freude, die es sich zwischen den Blüten gemütlich gemacht hat. Gleich daneben liegt aber leider auch der dicke fette Leistungsdruck auf einem Stapel Karteikarten und macht keinerlei Anstalten sich dort weg zu bewegen. Seufzend gehe ich ins Wohnzimmer, aber dort räkelt sich lediglich die Faulheit auf der Couch. Genau das Gegenteil von dem, was ich jetzt brauche, denke ich. Um sicher zu gehen, werfe ich noch einen Blick unter die Couch und entdecke die Vergesslichkeit, die mit einem einsamen verstaubten Kreisel spielt, den meine Tochter anscheinend seit Wochen nicht mehr vermisst. Auch nicht besonders hilfreich, denke ich. Wo kann sie denn nur sein? Frustriert versuche ich meinen bisherigen Tag zu rekonstruieren.
Heute morgen beim Aufstehen war die Motivation auf jeden Fall noch da. Ein bisschen verschlafen und kränklich vielleicht aber sie war da! In der Uni hielt sie sich dann erstmal so, bis es ihr gegen 10 schlagartig besser ging. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, als ich an den frischen Kaffee zurückdenke, den mir mein bester Freund überraschend mitgebracht hatte. Glücklicherweise nahm meine Motivation den Kaffee zum Anlass, den Rest des Tages wohl auf zu sein. Gemeinsam überstanden wir die restlichen Seminare und holten meine kleine Tochter aus dem Kindergarten ab. Selbst beim Frühjahrsputz in unserer Wohnung war sie noch voll dabei. Wo zum Teufel hat sie mich also im Stich gelassen? Was hatte ich denn nur vor den Buddenbrooks gemacht? Und dann, plötzlich, fällt es mir wie Schuppen von den Augen.
Ich renne zum Zimmer meiner Tochter. Auf dem Weg dorthin stolpere ich über meine Laufschuhe und die Kondition ruft mir wütend nach, dass ich das nächste Mal besser aufpassen solle. Und dass ich sie sowieso mal wieder mehr beachten könne, wenn wir gerade schon dabei wären. Ich ignoriere sie und öffne vorsichtig die Tür zum Zimmer meiner Tochter. Sie ist bereits eingeschlafen und sieht ganz und gar friedlich aus. Dabei ist sie vielleicht die einzige 5-Jährige, die ich kenne, die schnarcht. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht, während ich mich herunterbeuge, um ihre Nase zu küssen. Ihre Nase kräuselt sich für einen Moment, dann wird ihr Schnarchen ein bisschen leiser. Behutsam nehme ich mir das kleine Holzkästchen, das auf ihrem Nachttisch liegt, und verlasse leise das Zimmer.
Vor der Tür starre ich auf das kleine Kästchen in meinen Händen. Es ist der Kummerkasten meiner Tochter, dem sie alle ihre traurigen Geschichten und Gefühle anvertraut. Als ich sie vorhin aus dem Kindergarten abholten wollte, hatte sie nämlich bitterlich geweint. Ihre Freundin aus dem Kindergarten, hatte sie erfahren, würde in vier Wochen in eine andere Stadt ziehen. Ihre Mutter hatte einen neuen Job und ein Umzug sei deshalb unvermeidbar. Ich hatte versucht, sie zu trösten, aber sie hörte mir gar nicht zu. Wir blöden Erwachsenen seien ja sowieso an allem Schuld. Als wir Zuhause ankamen schluchzte sie immer noch. In meiner Hilflosigkeit hatte ich ihren Kummerkasten geholt, in der Hoffnung, dass sie sich wenigstens ihm anvertrauen könne. Tatsächlich ist es verrückt, welche Magie so ein kleines Holzkästchen haben kann, denn schon nach kurzer Zeit hörte meine Tochter auf zu weinen. Sie wirkte gefasster, als sie nach einer Weile zu mir ins Wohnzimmer tapste, wo ich gerade zu verstehen versuchte, ob ich oder die Buddenbrooks das Problem waren. Sie hatte mich angesehen, mit diesem Blick, den sie immer machte, wenn wir uns in irgendeiner Form gestritten hatten. Sie drückte mich mit ihren kleinen Ärmchen an sich und erklärte mir, dass es blöde und nicht blöde Erwachsene gäbe und dass ich auf jeden Fall kein blöder Erwachsener sei. Und ihre Freundin, die könne sie ja besuchen. Sie sei ja schon groß. Ich hatte gelächelt und sie mit meinen etwas weniger kleinen Ärmchen zurück gedrückt.
Wenn also meine Motivation noch da war, als ich meine Tochter abholte, aber bereits verschollen, als ich mich den Buddenbrooks widmete, gibt es eigentlich nur einen Ort, an dem sie sein kann.
Vorsichtig öffne ich das Kästchen. „Hab ich dich endlich!“, will ich rufen, aber ich stutze. Meine Motivation liegt da nicht einfach nur drin. Nein. Sie hat sich eng an die Traurigkeit gekuschelt, die im Kummerkasten ihr Zuhause hat. Sie sieht irgendwie… glücklich aus. Nachdenklich schüttle ich den Kopf und blicke die Motivation lange an. „Ach Süße“, sage ich schließlich, „ich freue mich ja für dich, dass du dich verliebt hast, aber…“, und dann beuge ich mich so nah zu herüber, dass nur sie mich hören kann: „aber musste es denn ausgerechnet die Traurigkeit sein?“ Eine kurze Ewigkeit lang sagt sie nichts. Dann sieht sie mich unverwandt an, legt den Kopf schief und sagt: „Man kann sich eben nicht aussuchen, in wen man sich verliebt, oder?“
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