Abschiede

14.08.2023 (2 Wochen vor Abflug)

Jetzt sind es noch genau 2 Wochen und dann geht es für mein Auslandssemester nach Finnland. Noch 2 Wochen und dann verlasse ich für ein halbes Jahr das Land. Verrückt. Nachdem ich schon vor Monaten meine Zusage erhalten und die letzten wichtigen Dokumente unterschrieben und versendet hatte, war die Realität der Reise zwischen Prüfungs- und Alltagsstress vorerst in den Hintergrund gerückt. Lediglich die steigenden Frequenz mit der sich die Menschen, um mich herum erkundigten, wie es denn um meine Aufregung, Vorfreude und auch Vorbereitung stünde, gab mir hin und wieder einen Hinweis darauf, dass mein Abflug scheinbar immer näher rückte.

Der erste Moment in dem mir meine baldige Abreise dann allerdings schlagartig bewusst wurde, war der, in dem ich mich plötzlich mit viel zu vielen Abschieden auf einmal konfrontiert sah.

Johanna war die Erste.

25.07.2023 (circa 2 Monate vor Abflug)

Am 25. Juli traf sich unser Freundeskreis zwischen Prüfungsvorbereitung und Hausarbeitsrecherche noch einmal in unserer Stammbar, um Johanna für eine längere Zeit in den Urlaub zu verabschieden. Wir tranken Bier, Cola und Gingerino, zeigten uns gegenseitig peinliche Kinderfotos und ließen das Semester Revue passieren. Irgendwann stand Johanna auf, sah uns lange an und brachte schließlich hervor: „So guys, ich muss jetzt mal los.“ Die anderen begannen sich mit dicken Umarmungen zu verabschieden, während ich sie wie versteinert anstarrte und panisch meine Hände zu kneten begann. Mit einem Schlag war mir bewusst geworden, dass ich Johanna nicht nur in den Urlaub verabschieden würde. Wenn Johanna aus dem Urlaub zurück kam, befand ich mich bereits seit einigen Wochen in Finnland. Wir würden uns vor meiner Abreise also nicht noch mal sehen. Ich schluckte und begriff, dass ich mir bis zu diesem Moment so wirklich gar keine Gedanken darüber gemacht hatte und mich jetzt innerhalb weniger Minuten auf einen Abschied vorbereiten musste, der nicht für ein paar Wochen sondern mindestens ein halbes Jahr galt. Ich schluckte ein weiteres Mal. Neben mir drücke Johanna gerade Luisa. Ich war die Letzte. Mit wackeligen Knien stand ich auf und tapste auf Johanna zu und wir versanken in einer langen festen Umarmung. Schweigend lösten wir uns nach einer Weile wieder voneinander, froh, dass wir uns soeben wortlos alles gesagt hatten, was zählte. Beide hatten wir ein unsicheres Lächeln auf den Lippen, beide teilten wir die selbe Vorfreude auf kommende Abenteuer, beide war wir trotzdem nicht frei von einer gewissen Angst, die ein Schritt ins Ungewisse nun mal so mit sich bringt. Beide wollten wir begeistert Loslassen und beide fürchteten wir uns gleichzeitig ein Bisschen davor. Als sich Johanna schließlich zum Gehen wandte, drückte sie mir noch ein Kinder Bueono in die Hand. Sie hatte eine Packung zum Snacken mitgebracht und eins war übrig geblieben. Ich starrte ihr nach, bis sie hinter einer Hausecke verschwand. Und als ich später, meine Jacke auf dem Arm und das Kinder Buoeno in der Hand, den Heimweg antrat, begriff ich, dass ich mich erst ganz am Anfang ein er langen Reihe von Abschieden befand.

Nach diesem Abend holte mich allerdings erstmal die Prüfungsphase wieder ein und ich hatte kaum Zeit über die Reiseplanung oder weitere Abschiede nachzudenken. Einerseits war ich dankbar dafür, andererseits war Verdrängung bekanntlich noch nie die beste Verarbeitungstechnik. Der zweite Abschied traf mich dementsprechend genauso unvorbereitet wie der erste.

11.08.2023 (Zweieinhalb Wochen vor Abflug)

Es sind noch zweieinhalb Wochen bis zu meinem Abflug und ich treffe mich mit Josi zum Kaffeetrinken und Spazieren. Wir stiefeln zu einem meiner Lieblingscafés, während die Sonne unsere Nasen kitzelt und wir uns über die Strapazen ausführlicher Unterrichtsplanungen unterhalten. Mit spielender Leichtigkeit hangeln wir uns von einem Thema zum nächsten, genießen einen Café Latte und unterdrücken abwechselnd ein übermüdetes Gähnen. Als der Kaffee leer ist und die Gähnfrequenz trotzdem unverhältnismäßig hoch wird, machen wir uns auf den Rückweg zur Bibliothek. Vor der Bib angekommen, stellt Josi ihren Rucksack ab und beginnt etwas herauszufischen. „Bevor ich es vergesse…“, sagt sie und überreicht mir ein kleines Päckchen, das liebevoll mit Stiefmütterchen beklebt und zusätzlich mit einer Karte versehen ist, die, wie ich später heraus finde perfekt auf meine Reise abgestimmte Tolkien-Zitate enthält. Weil ich denkbar schlecht mit derartigen Situationen umgehen kann, murmle ich nur ein peinlich berührtes „Das wär doch nicht nötig gewesen“, begreife aber im selben Moment, dass es jetzt wohl wirklich bald los ginge, wenn Menschen begannen mir Abschiedgeschenke zu überreichen. Ich schlucke und umarme Josi. „Danke, dass ist wirklich super sweet“, bringe ich hervor. Besser kann ich das warme Gefühl im Bauch in dem Moment nicht in Worte fassen. „Du kannst jederzeit anrufen.“, erklärt sie mit einem aufrichtigen Lächeln. „Und sechs Monate gehen auch viel schneller rum als man denkt.“

Da hat sie tatsächlich recht. Nach dem Abi war ich für acht Monate in Neuseeland und als ich los flog, glaubte ich noch, eine Reise der Unendlichkeit anzutreten. Trotzdem saß ich irgendwann im Flieger nach Hause und ließ die Insel meiner Träume hinter mir. „Wahrscheinlich“, denke ich, „sitze ich auch diesmal schneller wieder im Flieger nach Hause, als ich es für möglich halte.“ Im selben Moment ärgere ich mich dann allerdings, dass ich bereits vor meiner Abreise an meine Rückreise denke. Als wäre die Reise eine lästige Pflicht und nicht mein freier Wunsch. Eine Wechselbad der Gefühle noch bevor ich überhaupt einen Fuß in Richtung Flughafen gesetzt habe.

Als ich das kleine Päckchen, das Josi mir überreicht hatte, dann zu Hause auspacke und schließlich ein Buch in den Händen halte, durchfährt mich erneut ein warmes Gefühl. Josi hat mir nicht einfach nur irgendein Buch geschenkt. Nein. Dieses Buch ist eindeutig eins dieser Geschenke, bei denen jemand in einem unscheinbaren Moment eine beiläufige Bemerkung von dir aufschnappt, weil er oder sie spürt, dass dir mehr daran liegt, als dir in diesem Moment selbst bewusst ist.

27.08.2023 (2 Tage vor Abflug)

Nach diesem zweiten Abschied ging es dann plötzlich schlag auf schlag. Nach einer längeren Zeit Zuhause muss ich mich von meinen Geschwistern, meiner Stiefmama und meinem Papa verabschieden und merke, wie jede Umarmung länger wird und der Kloß in meinem Hals besonders dick, als ich meinen Papa zum Abschied drücke. Ich verbringe kurz darauf noch ein langes turbulentes Wochenende mit Isa und frage mich anschließend, wie ich ohne ihren Spirit in Finnland auskommen soll. Am 24.08. treffen wir uns nochmal als Freundeskreis, diesmal ohne Johanna, die noch auf’m Balkan chillt und trinken im Connoisseur ein letztes gemeinsames Bier, bevor es für Luisa nach England, Anna nach Spanien, Stefan nach Littauen, Isa nach Polen und mich nach Finnland geht. Ich trinke ein Bier zu viel und wir werden alle ziemlich sentimental, obwohl wir uns für den jeweils anderen freuen. Als ich den Heimweg antrete, wird mir klar, dass die Liste der Abschiede kürzer wird und der Abflug kurz bevor steht.

Abschied im Pub
Abschiedsabend auf dem Lichterfest in Halle (Ich hab dich lieb! Pass auf dich auf <3)

Am schwersten ist der Moment, als ich mich am nächsten Tag final von Stefan verabschieden muss. Als er mich an sich drück, wünsche ich mir kurz, dass er nie wieder los lässt. Man sagt, dass es leichter wäre zu Gehen statt zu Bleiben, aber wenn man diesen einen Menschen, der für immer einen besondern Platz in deinem Herzen hat; deinen besten Freund, der jede dämliche Macke von dir kennt und der dir immer jeden Blödsinn und jeden ersthaften Kram erzählen kann, für eine so lange Zeit zurück lassen muss, dann ist es – verdammte scheiße noch – viel beschissener zu Gehen. Vor allem dann, wenn man im Moment des Abschieds erst begreift, wie viel einem die andere Person wirklich bedeuet.

Am darauffolgenden Tag ist meine Familie, glaube ich, schon aufgeregter als ich. Während ich noch damit kämpfe all die Abschiede der letzten Tage zu verarbeiten, wollen sie schon wissen, ob ich gut gelandet bin. Ich muss lachen, als ich die Nachricht lese. Und solange ich das Abflugdatum nicht durcheinander bringe, ist ja alles gut.

Der letzte Abschied ist der von meiner Mama. Gemeinsam mit alten Freunden gehen wir am Sonntag vor Ablug nochmal wandern und genießen die Sonne und ein grandioses Picknick.

Die Verwirrung meiner Familie

Meine Mama hilft mir noch ein paar Sachsen, die ich während der Zwischenmiete nicht in meinem Zimmer lassen möchte ins Auto zu packen und verspricht mir noch einen Pullover und eine Schneehose, die beim besten Willen nicht mehr in den Koffer passen, später nachzusenden. Wir drücken uns lange und schmieden schon pläne für Ende Dezember. Vielleicht klappt es, dass sie mich besucht (:

28.08.2023 (1 Tag vor Abflug)

Langsam aber sicher dringt endlich die Erkenntnis zu mir durch, dass ich morgen tatsächlich nach Finnland fliege. Die Schlüssel an meine Zwischenmieterin sind übergeben, alle verbleibenden Besorgungen getätigt und alle Unterlagen für den Flug gedruckt. Ich tigere in meinem Zimmer auf und ab und feuere die Vorfreude im Kampf gegen die erneut aufkeimende Panik an. Mein Blick fällt auf ein Kinder Bueno, das auf dem Schreibtisch liegt. Es ist das Kinder Buneo, das Johanna mir zum Abschied gegeben hat. Ich habe es aus einem irrwitzigen Aberglauben heraus aufgehoben und auf den richtigen Moment gewartet, um es zu essen. Ich starre das Kinder Bueno an. Das Kinder Bueno starrt zurück. Der Moment ist gekommen. Stück für Stück genieße ich den Schokoriegel und habe das Gefühl, dass er mit jedem Bisschen ein bisschen mehr Mut in meinen Körper transportiert. Ich denke an den Abschied von Johanna zurück, an die Umarmung und dass meine Gefühle heute wahrscheinlich exakt dieselben sind, wie damals die ihren. Und weil ich weiß, dass es Johanna gut geht und die Abenteuerlust inzwischen die Angst besiegt hat, muss ich lächeln. Das Lächeln gibt der Panik den Rest und ich spüre, wie sie den Kampf verliert. Jetzt bin ich endlich bereit.

Der Mutmach – Kinder – bueno von Johanna

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