20.08.23 (9 Tage vor Abflug)
Nach einem langen gemeinsamen Wochenende mit Isa liege ich allein zu Hause auf der Couch und die Realität bricht über mir zusammen. In gut einer Woche sitze ich bereits im Flieger nach Finnland. Mein Herz rast, meine Burst zieht sich zusammen, ich beginne zu schwitzen. Ich schnappe nach Luft und versuche meine Atmung in der Griff zu bekommen. Panik. Ohne Vorwarnung. Wie ein ausgehungertes Raubtier fällt sie über mich her und zerreißt mich in tausend kleine Stückchen. Angst durrchflutet meinen ganzen Körper. Angst vor dem Unbekannten. Angst vor dem Alleinsein, den neuen Menschen, dem Zurücklassen meiner sicheren Umgebung und der Menschen, die ich liebe. Ich greife nach meinem Telefon und versuche einen Podcast zu hören, um mich abzulenken, aber meine Gedanken dröhnen lauter als die Stimmen von Felix Lobrecht und Tommi Schmitt.
Irgendwann versuche ich den Ängsten einfach ihren Raum zu geben. Sie scheinen mich ja sowieso nicht in Ruhe zu lassen. Vielleicht begreife ich meine Ängste, die ich bis dato wirklich nicht verstehe, ja wenn ich ihnen zuhöre. Denn eigentlich liebe ich das Abenteuer und die Begegnung mit neuen Menschen. Ich bin acht Monate durch Neuseeland gereist und habe dort so viele wundervolle Menschen getroffen, dass ich Journalistin werden wollte, um ihre Geschichten zu erzählen. Ich kann mich für unglaublich viele Dinge begeistern und habe selten Probleme damit gehabt, neue Gespräche zu beginnen. Das letzte Wochenende hat doch genau das gezeigt. Oder etwa nicht? Was zur Hölle ist denn also mein Problem?!
In meinem Kopf blitzt ein Gedanke auf. Panisch schnappe ich danach, bevor er sich aus dem Staub machen kann. Ja, ich bin gut im Kontakte knüpfen, aber ich bin auch oft ziemlich scheiße darin sie zu halten. Ich habe im Laufe meines Lebens einige Freunde verloren oder mich von ihnen entfernt, weil ich es nicht gepackt habe mich regelmäßig bei ihnen zu melden. Solange nicht, bis es diesen Menschen verständlicher Weise irgendwann zu blöd wurde und sie den Kontakt entweder abgebrochen oder im Sande verlaufen lassen haben. Meine digitale Antwortrate ist erschreckend niedrig und dass man sich , wenn dann nach 8 Wochen eine Rückmeldung von mir kommt auch manchmal denkt, „Na samma geht’s noch?!“ ist absolut nachvollziehbar. Mir tut das wirklich schrecklich leid, weil das nicht an den Menschen liegt, die mir schreiben. Sie sind alle ganz wundervoll. Es liegt an mir und dem Chaos in meinem Kopf und ich bereue jede einzelne Freundschaft und Bekanntschaft, die dadurch in die Brüche gegangen ist. Die Angst vor meiner Reise speist sich also in großen Teilen aus genau dieser Erkenntnis. Ich werde die Menschen, die mir am meisten auf der Welt bedeuten für eine Weile zurück lassen, in dem Wissen, dass ich miserabel im Schreiben und Antworten bin und in der Vergangenheit bereits wichtige Menschen genau deshalb verloren habe. Die Menschen, die ich in den letzten Tagen und Wochen verabschieden musste, sind meine Familie und mein Zuhause, egal ob durch Blut oder Freundschaft. Ich werde in den nächsten Monaten die Sicherheit vermissen, die sie mir geben, einfach nur damit, dass sie da sind. Also da, im Sinne von wirklich greifbar. Und noch mehr werde ich fürchten, diese Sicherheit nach meiner Rückkehr ganz verloren zu haben, weil ich es mal wieder verbockt habe. Gedanke Ende.
Ich starre an die Decke, froh über die Klarheit in meinem Kopf, verzweifelt, weil sich das Problem akut nicht lösen lässt. Vielleicht sollte ich einfach nicht fliegen, denke ich. Noch kann ich abbrechen. Ich beginne zu schnappatmen und weiß nicht so richtig wohin mit mir. Ich öffne den Blog und beginne zu tippen. Digitale Tinte füllt die Seiten und mit jedem Wort beruhigt sich mein Puls ein kleines bisschen mehr. Beim Tippen erinnere ich mich daran, dass ich schon einmal aus Angst etwas abgebrochen habe, was ich nicht nur gut konnte, sondern auch aus tiefstem Herzen liebte und dass ich mir geschworen hatte diesen Fehler auf keinen Fall nocheinmal zu machen. Ich weiß auch, dass es viele Menschen um mich gibt, von denen ich zwischendurch Tage und Wochen nichts höre, nur um dann ein Jahr später wieder die tiefsinnigsten Gespräche zu führen. Genau dadurch ist schließlich dieser Blog entstanden. Ich weiß, dass Menschen gibt, die mir das Chaos in meinem Kopf verzeihen und sich einfach freuen, wenn nach 8 Wochen doch noch überraschend eine Antwort kommt. Ich weiß auch, dass ich versuchen will mich zu bessern, auch wenn ich keine Garantie dafür habe, dass es klappt. Ich weiß, dass es diesen Blog gibt und, dass ich damit jedem von euch, jederzeit ein Lebenszeichen senden kann, auch wenn ich individuell vielleicht noch nicht geantwortet habe. Vielleicht findet ihr das blöd. Vielleicht nicht. Ich hoffe einfach, es ist okay. Es gibt keine Garantie, für nichts, ich weiß. Keiner weiß, was ist, wenn ich zurück komme. Vielleicht ist die Zeit nahezu stehen geblieben. Vielleicht ist nichts mehr so wie es vor meiner Abreise war. Es soll Reisen gegeben haben, die ich ohne kleinen Bruder angetreten und mit kleinem Bruder beendet habe. Aber das ist eine andere Geschichte. Ich hab euch jedenfalls lieb. Und das ist eine Garantie, die ich euch geben kann.
Als ich den Laptop endlich zu klappe, ist es 2 Uhr morgens. Aber egal, es geht mir ein bisschen besser und ich muss morgen nicht ganz so früh raus. Ich bringe den Laptop zum Schreibtisch, klettere zurück ins Bett und schnappe mir ein letztes Mal vor dem Einschlafen mein Telefon. Ich öffne das Video, das ich mir immer anschaue, bevor ich eine Prüfung schreiben mussen. Es geht um Ängste. Überraschend, ich weiß. Es geht darum, seine Ängste an die Hand zu nehmen, als wären sie ein zögerlicher Freund. An die Hand nehmen, springen und rein ins Abenteuer. Also dann, Finnland, wir kommen.
